Gäste und Geschenke

Die Geschäftsstelle war in dieser Woche gleich zweimal Ziel für einen außergewöhnlichen Besuch. Am Dienstag war eine Gruppe von etwa 25 Menschen mit Behinderungen aus Bad Lobenstein und Umgebung zu Gast. Interessiert ließen sie sich die Diakoniezentrale zeigen, empfingen im Andachtsraum feierlich Zertifikate ihrer beruflichen Bildung und besichtigten anschließend noch die Franckeschen Stiftungen.

Am Mittwoch überbrachte das CJD Sangerhausen einen Wichern-Adventskranz. Jugenddorfleiter Wilhelm Grangé (links) und der Kaufmännische Leiter Andreas Demuth übergaben den Kranz an Dr. Andreas Lischke.

Jetzt wartet der Kranz im Andachtsraum auf den ersten Andachtstag im Advent. Dann werden am Montag zwei Kerzen brennen, weil der Wichern-Adventskranz für jeden Tag im Advent eine Kerze vorsieht.

Dazu eine Geschichte von Margot Runge, Pfarrerin in Sangerhausen:
Advent - wir warten auf Weihnachten, auf Jesus, der geboren wird, auf das Licht, das von Gott in die Welt kommt. Es gibt viel Dunkelheit, auch bei uns.

Deutschland 2009: Viele Kinder wachsen behütet auf. Manche Kinder gehen nicht gern nach Hause. Ihre Eltern kümmern sich nicht um sie, es wird zuhause getrunken, es gibt häusliche Gewalt, Armut, sexuellen Missbrauch. Und leider gibt es auch Kinder, die schlagen und treten andere, stehlen und lügen. Aber es gibt auch Hilfe: das Jugendamt, Beratungsstellen wie etwa bei der ABI in Sangerhausen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Sorgentelefon, Frauen- und Kinderschutzhaus.

Hamburg 1833: Viele Kinder wachsen behütet auf. Manche Kinder gehen nicht gern nach Hause. Ihre Eltern kümmern sich nicht um sie, es wird zuhause getrunken, es gibt häusliche Gewalt, Armut, sexuellen Missbrauch. Und leider gibt es auch Kinder, die schlagen und treten andere, stehlen und lügen. Aber es gibt kein Jugendamt und keine Beratungsstellen. Niemand kümmert sich darum, daß viele nicht genug zu essen haben. Kinder, die sich auf der Straße herumtreiben oder stehlen, werden von der Polizei einfach ins Gefängnis gesteckt. Wenn sie keine Eltern mehr haben, keine Verwandten, landen sie vielleicht im Waisenhaus. Doch da ist es auch nicht viel besser. Sie müssen den ganzen Tag arbeiten. Frühs und abends stillestehen. Die Aufseher sind unbarmherzig, es gibt viel Prügel. Weglaufen ist verboten. Alles ist abgesperrt. Wer trotzdem ausreißt, wird schlimm bestraft.

Ein junger Mann in Hamburg wollte sich damit nicht abfinden. Johann Hinrich Wichern dachte: Solche Kinder müssen gerettet werden. Ich will ein Heim gründen, in dem sie gern sind. Es soll dort wie in einer Familie zugehen, denn ein glückliches Familienleben haben sie zuhause ja nicht erlebt. So gründte er das Rauhe Haus. Im Advent 1833 waren 12 Kinder eingezogen, bald mußte erweitert werden. Es war eine offene Einrichtung, ohne Schlösser und Graben, die die Kinder am Weglaufen hätten hintern können. Aber kaum ein Kind riß aus. Die Kette der Liebe band sie viel stärker.

Hamburg 1839: Wie lange dauert es noch bis Weihnachten? Immer wieder hatte (Johann Hinrich) Wichern in den vergangenen Jahren auf die ungeduldige Frage der Kinder antworten müssen. In diesem Jahr ließ er sich eine unkonventionelle Antwort einfallen. Und tatsächlich glänzten alle Augen, als sich die Tür zum Betsaal (des Rauen Hauses in Hamburg) öffnete: Ein Holzreifen hing an der Decke mit 23 Kerzen. Das erste Licht leuchtete. Am nächsten Tag waren es zwei. Jeden Tag hielten Hauseltern, Brüder und Kinder ihre Andacht und sangen Adventslieder, jeden Tag wurde ein Licht mehr angezündet, bis Weihnachten kam. Die Kinder im Rauen Haus haben so erlebt: Gottes Licht kommt zu uns. Und jeden Tag wird es ein bisschen heller.

Dieses Licht kann auch auf uns fallen, besonders dann, wenn Dunkles uns umgibt. Wärme, Freude und Hoffnung soll es bringen. Mögen wir es weitergeben.

Das Christliche Jugenddorf Sangerhausen hat im Wichernjahr 2008 den Adventskranz nachgebaut. Vier große weiße Kerzen stehen für die vier Adventssonntage, die roten Kerzen dazwischen für die Wochentage. Im CJD, in der Jacobikirche, im Pflegeheim und im Kindergarten haben viele Menschen anschaulich von Johann Hinrich Wichern erfahren. Hinterher sagten alle: 2009 wollen wir wieder den "originalen" Adventskranz. Da hat er schließlich Geburtstag. Den hundertsiebziegsten.

https://www.diakonie-mitteldeutschland.de/archiv_2009_gaeste_und_geschenke_de.html