Der erste Bundesfreiwillige

Es gibt sie wirklich: Menschen im Bundesfreiwilligendienst. Denn entgegen der Frohsinns-Meldungen des Bundesfamilienministeriums, muss man in der Wirklichkeit sozialer Arbeit die neuen Bundesfreiwilligen noch mit der Lupe suchen. Ganz anders in der kleinen Nordharz-Stadt Hoym. Wo vor ein oder zwei Jahren noch zehn Zivildienstleistende die Arbeit in der Behinderten- und Altenhilfe der Stiftung Schloss Hoym unterstützten, gibt es nun nicht ein oder zwei, sondern tatsächlich … genau zehn Bundesfreiwillige! Sieben von ihnen haben bereits zum 1. Juli mit dem Start des Programms begonnen, drei weitere ihre Verträge mit Dienstbeginn im August und September in der Tasche.

Zehn Bundesfreiwillige in Hoym – das ist in dieser Traditionseinrichtung der Diakonie, die eng mit der Caritas und dem Landkreis kooperiert – fast ein Viertel aller, die in der gesamten Diakonie Mitteldeutschland (Sachsen-Anhalt, Thüringen) eine entsprechende Bewerbung abgegeben haben. Uwe Tillak, 52 Jahre alt, hat sich auf Anraten eines Nachbarn in der Stiftung beworben. Bislang hat er keine Erfahrungen in sozialer Arbeit. Der Vater von zwei erwachsenen Töchtern ist Ingenieur für Feinwerktechnik, hat wissenschaftlichen Gerätebau in einem renommierten Institut für Pflanzentechnik betrieben. Nach der Wende gab es alle Geräte fertig und günstig zu kaufen. Tillak verdingte sich auf Montage, war Servicetechniker, Fahrradmonteur, Außendienstverkäufer im Baugewerbe, mal angestellt, mal als freier Handelsvertreter in der ganzen Republik unterwegs. Doch aus seiner Heimat im Nordharz, im Salzlandkreis, will er nicht weg. Die Eltern leben hier, seine Frau hat eine sichere Anstellung und das Gehalt reicht zur Not für beide. Hartz IV hat Uwe Tillak deshalb nie bekommen.

Jetzt ist er Bundesfreiwilliger, einer der ersten, gleich zum 1. Juli angetreten in der Außenwohngruppe in Reinstedt, 40 Stunden die Woche für ein besseres Taschengeld. Es ist ein Versuch. Er bewirbt sich weiter auf verschiedenste Jobangebote, ist für alles offen. In den vergangenen Jahren hat er sich vielfach weitergebildet und Zusatzqualifikationen erworben. Auch einen sozialen Beruf kann er sich inzwischen vorstellen. Mit den zehn Bewohnern in dem Wohnhaus mitten im Dorf spricht er offen und herzlich. Er hilft, wo er gebraucht wird: Betten überziehen, Wäsche machen, Fahrdienste, Einkaufen, Rolli schieben. „Die Menschen hier sollen so selbständig wie möglich leben, aber dort, wo sie Struktur und Unterstützung brauchen, sind wir da.“ Uwe Tillak spricht schon wie ein Sozialpädagoge und gebraucht das „wir“ wie einer, der schon lange dabei ist. Dieses Gefühl geben ihm auch die Bewohner der Wohngruppe, und das tut gut. Die Bundesfreiwilligen werden gebraucht, das wird in Hoym schnell sichtbar.

Karin Hühnerjäger hat das schon vor Monaten erkannt. Die Personalreferentin der Stiftung hat schnell gehandelt. Bewerbungen um Anstellung hat sie nicht einfach zurückgeschickt, obwohl sie keine freien Stellen anbieten kann. Sie hat den Bewerbern die Möglichkeiten im neuen Bundesfreiwilligendienst aufgezeigt. Bei der festlichen Begrüßung der neuen Mitarbeiter am 19. Juli erhielten nun zehn Menschen im Alter von 20 bis 57, drei Männer und sieben Frauen, ihren Vertrag. Der eine sucht berufliche Orientierung, die andere sagt: „Ich möchte gebraucht werden.“ Karin Hühnerjäger macht keine Versprechungen, aber Geschäftsführung und Vorstand der Stiftung Schloss Hoym haben eine neue Form der Personalplanung verabredet: „Die Bundesfreiwilligen sind potentiell Nachrücker für freie Stellen.“

https://www.diakonie-mitteldeutschland.de/archiv_2011_der_erste_bundesfreiwillige_de.html