Süd-Nord-Verbindung nach Thüringen - Alexander Kindsvater aus Argentinien

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Kerstin Bock
Ökumenischer Friedensdienst

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(15. Februar 2019) „Hi, ich bin Alexander Van Der Beken Kindsvater. Ich stamme aus Gualeguaychú in Argentinien.“ Der 19-jährige stellt sich mit einem breiten Lächeln an seinem Arbeitsort vor. Hier, in der Evangelischen Grundschule „Katharina von Bora“ in Eisenach, absolvierte Alexander ein Jahr lang einen Freiwilligendienst für die Diakonie Mitteldeutschland. Gestern ging der Flug zurück nach Argentinien. Kurz zuvor haben wir Alexander einen Tag lang in seinem Alltag begleitet.

Erste Stunde: Musik.
Zum Wachwerden ist das an einem dunkeln, kühlen Morgen genau das Richtige! Die Kinder sitzen oder stehen im Kreis. Musiklehrerin Almuth Heinze ermutigt sie dazu, den Gesang mit leichten Stofftüchern tänzerisch zu unterstützen. Alexander ist mittendrin. Die Arbeit in einer Grundschule ist abwechslungsreich, spannend, aber auch fordernd. Die Pädagogen sind für die Unterstützung durch die Freiwilligen sehr dankbar. „Im Unterricht helfe ich Kindern und Lehrern mit allem, was sie brauchen: Korrekturlesen von Tests, Kopieren und Laminieren von Materialien zum Beispiel. Ich begleite die Kinder auch zum Essen, Spielen, Zeichnen und Malen, neben vielen anderen Dingen, die wir gemeinsam unternehmen. Jeden Tag haben wir viel Spaß zusammen.“ Man merkt es Alexander sofort an, dass er große Freude an seinen Aufgaben hat.

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In Pausen und Freistunden übt Alexander gern Gitarre. Sein Kollege Friedemann Lange zeigt ihm Gitarrengriffe.

Zweite Stunde: Religion.
Klassenlehrerin Jana Neubauer und der Friedemann Lange, pädagogischer Mitarbeiter, sprechen mit den Kindern über Jesus. Ein kleines Schauspiel entsteht, in dem Jesus von Zuhörern umringt wird. Doch die kleineren Kinder finden keinen Platz um einen Blick auf Jesus zu erhaschen oder vielleicht sogar mit ihm sprechen zu können. Jesus spricht: „Macht Platz und lasst die Kinder zu mir kommen.“ Ein Jesus aus Papier mit weit ausgebreitetem Mantel hängt an der Tafel. Die Kinder dürfen sich selbst malen, ausschneiden und unter seinen Mantel kleben. Alexander hat alle Hände voll zu tun, um die Kinder beim Basteln zu unterstützen. Ob er auch selbst Unterricht gibt? „Ja, einmal in der Woche versuche ich den Kindern etwas Spanisch beizubringen.“ Sprache liegt Alexander mehr als der Gesang. Als am Ende der Stunde „Gott, dein guter Segen“ gesungen wird, verlegt sich Alexander mehr auf das Summen, als auf das Mitsingen.

Endlich Pause! Der Anfang des Tages ist geschafft! Alexander nutzt die Pausen gern um sich von seinem Kollegen Friedemann Lange ein paar Gitarrengriffe beibringen zu lassen. „Das Gitarrespielen habe ich erst in Deutschland für mich entdeckt, aber ich werde auch in Argentinien damit weitermachen.“ Frühstück braucht Alexander nicht. In Argentinien ist Frühstücken auch nicht üblich, erklärt er. Danach geht es auf den Schulhof. In kleinen Teams spielen die Kinder gegeneinander Fußball. Alexander liebt Fußball und ist beim Pausenspiel gern dabei. Für Argentinier hat Fußball eine große Bedeutung: „Wer du bist, das zeigt sich, welchem Fußballverein du als Fan angehörst.“, erklärt Alexander lachend. Wenn er in der Pause nicht Fußball spielt oder das Wetter zu schlecht zum Rausgehen ist, dann bastelt er mit den Kindern Freundschaftsbändchen oder erzählt ihnen von seiner Heimat.

Nach der musikalischen und sportlichen Pause geht es direkt bewegungsreich weiter: Sport steht auf dem Stundenplan. An einzelnen Stationen führen die Kinder verschiedene Übungen durch. Alexander beaufsichtigt eine Station, motiviert die Kinder, zeigt Ihnen die richtige Ausführung der Übungen und misst Bestzeiten. Kann er sich vorstellen, einmal Lehrer zu werden? „Die Arbeit macht zwar großen Spaß, aber ich möchte Medizin in Buenos Aires studieren. Das ist mein Traum seit meinem achten Lebensjahr. Buenos Aires ist eine tolle Stadt! Meine ältere Schwester lebt dort.“

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Der junge Argentinier spielt leidenschaftlich gern Fußball. Er kickt den Ball nicht nur mit den Schülern auf dem Schulhof, sondern spielt auch Hallenfußball in einer Eisenacher Herrensportgruppe.

Nach dem Sportunterricht geht es hinaus in die Natur. In der letzten Schulstunde gibt es Heimat- und Sachkunde. Der Weg von der Eisenacher Grundschule hinaus in den Wald ist kurz. Die Augen der Kinder leuchten und ihren Bewegungsdrang kann man deutlich spüren. In kleinen Gruppen sollen sie bestimmte Blattarten, Kleintiere und Waldfrüchte sammeln. Ein buntes Gewimmel verschiedener Jacken- und Mützenfarben stürzt sich ins Unterholz.
Alexander unterstützt die Kinder bei ihrer Wald-Herausforderung. „Häufig machen wir auch Ausflüge mit den Kindern, in denen wir einige interessante Orte besuchen. Außerdem begleite ich die Kinder donnerstags im Schwimmunterricht. Manchmal helfe ich auch in der Küche und in der Werkstatt der Schule.“

Der Schultag ist geschafft, jetzt beginnt die freie Zeit. Alexander wohnt in einer Wohngemeinschaft in einem alten, ehrwürdigen Haus am Stadtrand von Eisenach. „Der Weg in den Wald ist kurz und wirklich schön. Besonders am Burschenschaftsdenkmal, mit Blick auf die Wartburg, gehe ich gern spazieren.“ Was er sonst noch in seiner Freizeit tut? „Ich lese gerne Romane und spanische Gedichte, aber vor allem liebe ich es zu reisen! Ich will während meiner Zeit hier so viel wie möglich von Deutschland sehen. Am Wochenende mache ich einen Ausflug nach Quedlinburg. Die Altstadt soll wirklich toll sein!“ Die Reiselust sieht man auch Alexanders Zimmer an. Neben einer Argentinienfahne und (natürlich) einem Poster seines Lieblingsvereins sieht man Souvenirs und Fotos seiner Reisen.

Beim Spaziergang durch den Wald werden die Erfahrungen der letzten Monate reflektiert. „Was mir aus meiner Zeit hier besonders in Erinnerung bleibt? Seit ich hier bin, habe ich viele Menschen getroffen, die mir eine große Hilfe waren, die mir geholfen haben, mich ein wenig mit dem Unbekannten vertraut zu machen und die sich um mich gekümmert haben, als wäre ich nur ein weiteres Mitglied ihrer eigenen Familie. Ich treffe mich auch häufig mit Lehrern und Freunden. Ich hatte Gelegenheit, viel über die Kultur zu lernen und viele Menschen kennenzulernen. Ich habe Reisen unternommen, in denen ich Städte in Deutschland, Österreich und Holland gesehen habe. Und ich konnte auch an Seminaren teilnehmen, in denen wir einige sehr interessante Themen besprochen und bearbeitet haben.
Meine ersten großen Herausforderungen waren das Erlernen der Sprache, die Kälte des Winters, die eigene Verantwortung, die Abwesenheit von meiner Familie und die Gewöhnung an die Kultur und die Menschen hier, die ganz anders sind, als in meinem Land. Es gibt schöne und schwierige Momente, aber ich finde mich immer auf der positiven Seite wieder und lerne, Probleme zu bewältigen.“

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Alexander liebt die Spaziergänge durch die Natur rund um Eisenach. Der Aussichtspunkt am Burschenschaftsdenkmal, mit Blick auf die Wartburg, ist sein Lieblingsplatz.

Musiklehrerin Almuth Heinze und ihr Mann Jens Heinze leiten verschiedene Chöre in der Stadt. Bei der abendlichen Generalprobe eines Schulchores vor der versammelten, stolzen Elternschaft ist Alexander dabei. Alexander nutzt die Gelegenheit, um sich in der Fotografie zu üben. Die Fotos stellt er der Schule, dem Chor und den Eltern gern zur Verfügung. Almuth Heinze ist über diesen Einsatz sehr glücklich. Nach der Probe laden ihr Mann und sie Alexander noch zum Abendessen ein. Er ist dort ein häufiger und immer willkommener Gast. Ein Jahr Freiwilligendienst ist eben mehr als ein Dienst, meint Alexander: „Ich bin und werde Gott immer dankbar sein für diese unglaubliche Erfahrung. Ich konnte meinen bescheidenen Wunsch einbringen, Gutes für die Gesellschaft zu tun, mich selbst jeden Tag ein wenig mehr kennenzulernen und als Mensch zu wachsen.“

Hintergrund: Alexander van der Beken Kindsvater ist einer von vier Freiwilligen aus Argentinien und Paraguay, die über das Förderprogramm „weltwärts“ nach Deutschland gekommen sind. Die Diakonie Mitteldeutschland vermittelt die Freiwilligen für ein Soziales Jahr in diakonische und kirchliche Einrichtungen und betreut die Jugendlichen während ihres Aufenthalts. Am 14. Februar endete der Freiwilligendienst der Jugendlichen und sie sind in ihre Heimat zurückgekehrt. Begleitet wurde Alexander einen Tag lang von Tristan Emanuel Fürstenau.

Text und Fotos: Tristan Emanuel Fürstenau

https://www.diakonie-mitteldeutschland.de/blog_sued-nord-freiwilligendienst_de.html