Gedenken, Trauer und Bewältigung nach Anschlag in Magdeburg
Vor 13 Monaten erschütterte ein grausamer Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg nicht nur eine Stadt, sondern die ganze Republik. Trotz Sicherheitsvorkehrungen konnte ein Einzeltäter mit einem PKW am 20. Dezember 2024 in Menschengruppen rasen. Er verletzte dabei etwa 300 Menschen teilweise schwer, sechs Menschen starben. Der Täter wurde noch am Anschlagsort verhaftet, im November der Prozess gegen ihn eröffnet. Die Gerichtsverhandlung und eine Gedenkfeier konfrontieren viele Menschen einmal mehr mit bis heute offenen Fragen und quälenden Gefühlen.
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Der Weihnachtsbaum, Buden und Karussells sind abgebaut. Die Betonbarrieren auch. Bis zum nächsten Weihnachtsmarkt. Die Weihnachtszeit ist eine fröhliche Zeit, das Weihnachtsfest mit seinen schönen Bräuchen und Riten, den Familienzeiten, den Feiern, auch den Ruhezeiten. Was die Weihnachtszeit für einige Menschen aber für immer zu einem tiefen Schmerz macht, mit Erfahrungen und Gefühlen von Angst, Verlust, Trauer und Ohnmacht besetzt, das überlagert die Bräuche, den Wechsel der Jahreszeiten, die persönlichen und die gemeinschaftlichen Rituale seit mehr als einem Jahr. Für die Betroffenen gibt es eine Zeit vor dem Anschlag am 20. Dezember 2024 in Magdeburg und eine Zeit nach dem Anschlag.
Es gab ein öffentliches Ringen darum, ob die Stadt Magdeburg Monate später wieder anknüpfen kann an die Fröhlichkeit und auch die Geschäftigkeit eines Weihnachtsmarktes mit Glühwein und Grünkohl, mit Lichterketten und fröhlicher Beschallung. Das Leben sollte weitergehen, die Normalität sollte nicht auch noch und dauerhaft der grausamen Tat eines Einzelnen zum Opfer fallen. Am Tag des Gedenkens, ein Jahr nach dem Anschlag, am 20. Dezember 2025, blieben die Lichterketten und die Lautsprecher aus, blieben die Buden und der ganze Markt geschlossen. Ein ökumenischer Gedenkgottesdienst am Vormittag, eine Gedenkfeier der Stadt am Nachmittag, danach eine Kerzen-Menschen-Kette durch das Dunkel einer Stadt, in der Menschen sich umarmen, schweigen, Tränen abwischen. Die Trauer und Stille wird durchbrochen und soll gleichzeitig beschützt werden von hunderten Polizisten, Absperrzäunen, einem tief fliegenden Hubschrauber und Sicherheitsleuten auf Hausdächern.
Nur registrierte und geladene Gäste dürfen die beiden Gedenkfeiern in der Johanneskirche besuchen, das Geschehen in der Kirche wird aber mit Bild und Ton nach draußen übertragen. Wer an der Johanniskirche Blumen ablegt und auf die Videowand schaut, hat den Anschlagsort fast im Rücken. Ganz nah liegen Gedenkort und Weihnachtsmarkt beieinander.

Mehrere hundert Menschen haben den Anschlag direkt miterlebt, verzweifelt nach Hilfe gerufen oder Angehörige gesucht. Ganz viele haben spontan geholfen. Auch Fachleute in medizinischen und helfenden Berufen waren als Besucher des Weihnachtsmarktes vor Ort, haben aus dem Stand und ohne Ausrüstung professionell erste Hilfe geleistet und Minuten später die alarmierten Einsatzkräfte unterstützt. Peggy Litzrodt hat den Anschlag direkt miterlebt. Im Gedenkgottesdienst beschreibt sie, wie sich „in einer Minute und vier Sekunden“ alles verändert. „Die Schreie sind bis heute in den Köpfen.“ Und sie zieht eine Bilanz: „Die Hilfsorganisationen geben ihr Bestes – die Behörden leider nicht!“.

Rainer Horchler verfolgt den Gedenkgottesdienst draußen, hört die Lieder und Gebete, auch den Dank an die Helfer. Horchler ist ehrenamtlicher Notfallseelsorger im Team Halberstadt, das am Abend des Anschlags alarmiert wurde „Wir haben nachts die Nachbetreuung von Einsatzkräften gemacht. Das war vor allem ein erster Austausch, um das Unfassbare fassbar zu machen, darüber zu sprechen, dass man dann nur noch funktioniert hat. Und über diese Bilder, die man gesehen hat. Selbst für gestandene Einsatzkräfte – das muss man erst mal verarbeiten!“ Rainer Horchler ist in seinem Ruhestand aktiv, war früher Beamter der Bundespolizei. Was motiviert ihn für eine ehrenamtliche Arbeit, in der Angst, Verlust und Schmerz so prägend sind? „Es ist die Dankbarkeit der Leute, die jemanden finden, der ihnen einfach zuhört. Ohne zu werten. Und der Zeit hat. Wenn jemand alles loslassen kann und sich vielleicht auch erleichtern kann – das gibt mir nachher eine Zufriedenheit, wenn ich wieder gehe.“

Regionalbischöfin Bettina Schlauraff will im Gedenkgottesdienst „die warme Mitte“ Magdeburgs zeigen, „die Herzliches und Unerschütterliches miteinander lebt und die der Gewalt jeglicher Art nicht Platz machen wird.“ Im Gespräch danach führt sie diesen Gedanken weiter aus. „Wir alle können noch gar nicht verstehen, wie es den Betroffenen geht. Und ich merke, dass da unglaublich viel Wut ist und Bitterkeit und dass manche auch nicht so richtig zu Wort kommen, zur Stimme kommen.“
Im November, wenige Wochen vor dem Jahresgedenken des Anschlags, wurde der Prozess gegen den Täter eröffnet. Zeugen, Gutachter, Richter und ein Untersuchungsausschuss im Landtag gehen der Frage nach, wie ein Einzeltäter einen solchen Anschlag trotz Sicherheitsvorkehrungen ausführen konnte. Bettina Schlauraff: „Wir stellen hier die Schuldfrage – bis dahin, ob der Staat die Schuld trägt. Aber wenn eine einzelne Person für sich entscheidet, dass sie mit schwerer Gewalt auf Menschen zugeht, Menschen verletzt, oder Frauen vergewaltigt und umbringt – was auch immer auf diese Weise geschieht: das ist seine eigene schlimme und böse Entscheidung und in dem Fall auch eine Entscheidung – christlich gesehen – gegen die Werte, die uns verbinden, gegen die Gesellschaft und auch gegen Gott. Ich sehe hier die persönliche Entscheidung einer einzelnen Person. Ein Täter will der Gesellschaft schaden und Leben zerstören.“

Die Suche nach Antworten ist auch der Versuch, Normalität wieder herzustellen, ein grundlegendes Gefühl von Sicherheit wieder zu erlangen. Lars Ophagen, Seelsorger und Theologe in den Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg, weiß aus mehr als einem Jahr der Begleitung von Opfern und Betroffenen des Anschlags, dass sich hier die Perspektiven grundlegend und dauerhaft ändern können: „Für die Betroffenen gibt es das Leben vorher und das Leben nachher, da hat sich ein anderes Denken, anderes Fühlen eingesetzt, andere Sensibilität für Fragen der Sicherheit.“ Lars Ophagen beschreibt, wie Betroffene versuchen, den Aufenthalt in Ansammlungen von Menschen zu vermeiden, in öffentlichen Räumen Evakuierungspläne und Tafeln lesen, die sie vorher gar nicht gesehen hätten.
Von den Helfenden erfährt der Seelsorger noch andere Gedanken: „Ganz schwer war es für Menschen im medizinischen Dienst, die am Platz vor Ort waren und mit einmal ohne ihr Gerät und in ihrer Freizeit ohne Vorbereitung unter völlig anderen Bedingungen arbeiten mussten. Menschen, die im medizinischen Dienst Jahrzehnte gearbeitet haben, haben jetzt plötzlich Probleme, wenn Patienten schreien oder wenn eine offene Wunde versorgt werden muss.“ Manche ziehen dann für sich die Konsequenz einer beruflichen oder zumindest fachlichen Neuorientierung.
Eher gute Erfahrungen machten die Helfenden dort, wo der Klinikbetrieb eine hohe Professionalität ermöglichte. Ophagen: „Die Intensivstation unseres Krankenhauses hatte am Abend des Anschlags Weihnachtsfeier, aber es hatte noch keiner etwas getrunken. Die waren einfach fast voll besetzt da und einsatzfähig. Das war ein Segen, eine Fügung. Und es kamen Ärzte aus eigenen Praxen dazu, die früher bei Pfeiffers mal ein Klinisches Jahr oder eine Ausbildung gemacht haben. Die standen da und fragten: `Was können wir machen?‘. Es war eine lange Nacht, aber es gab dennoch einen Punkt, wo wir sagten: Wir konnten helfen, wir konnten das, wofür wir da sind, einfach gut ausüben.“
Aus den ersten Erfahrungen dieser langen Nacht, in der es vordergründig um die Stressbewältigung nach dem belastenden Einsatz ging, entstand später ein weiteres Angebot für Betroffene. Eine erste Selbsthilfegruppe startete im Februar 2025. Drei erfahrene Personen der Seelsorge und Begleitung moderieren die inzwischen zwei Gesprächsgruppen. Immer zum Wochenbeginn trifft sich seit Februar „Familie Montag“, inzwischen mit einem relativ festen Kreis von zwölf bis 15 Teilnehmenden. Seit dem Herbst gibt es eine zweite Gruppe, weil der Bedarf an Austausch und gegenseitiger Hilfe größer ist, als anfangs erwartet. Lars Ophagen: „Die Impulse für die Bewältigung, für das Vorankommen eines Reifeprozesses, das liefert die Gruppe, wir moderieren und breiten die verschiedenen Erfahrungen und Rezepte aus, die sie gewonnen haben. Ich vergleiche das immer mit einem Essensbuffet. Dann liegen Sachen aus 20 Rezepten da und jeder schaut für sich, was ist schmackhaft, was vertrage ich gut, was hilft mir.
Wir haben keine Hierarchie des Leidens. Wir haben Menschen, die waren lebensgefährlich verletzt. Wir haben Menschen, die waren vom eigentlichen Geschehen weit entfernt, aber das Geschehen hat sie schwer bewegt. Da wird nicht sortiert. Wer Leidensdruck hat, ist in der Gruppe willkommen und kann über das Leiden sprechen.“

Lars Ophagen erinnert sich zum Beispiel an Gespräche über Schlafprobleme oder Therapierangebote: „Wir kennen jetzt 15 bis 20 verschiedene Methoden, in den Schlaf zu kommen. Und ich weiß, bei jedem Menschen helfen zwei oder drei davon. Beim Thema Schlaf hat es angefangen, es geht mit Formularen weiter, mit Telefonaten, mit Hilfsstellen, mit Fragen der beruflichen Wiedereingliederung nach längeren Pausen. Für wen welches Angebot das Richtige ist – das müssen dann die Betroffenen für sich entdecken. Da helfen wir ihnen ihre Themen und Fragen angstfrei einzubringen. Wir hatten mal eine Dame, die war ganz kurz da, die hatte wahnsinnig Angst davor, bei psychischen Problemen Medikamente zu nehmen. Und dann gab es den Austausch in der Gruppe: Wie geht ihr damit um, traut ihr euch? Ist medikamentöse Therapie gut, ist es die Psychotherapie, was hat wem geholfen? Und sie kam nach kurzer Zeit nicht wieder, aber es kam eine ganz freundliche Meldung wieder an die Gruppe: Vielen Dank, ich habe jetzt meinen Weg gefunden und es geht mir gut damit.“
Am Abend des Gedenkens in der Magdeburger Johanniskirche sagt Bundeskanzler Friedrich Merz: „Es gibt Tage, da will die Dunkelheit nicht weichen.“ Es klingt fast wie eine Erwiderung, doch es geht um die Ermutigung, wenn Bundespräsident Frank-Walter-Steinmeier vorher sagt: „Licht findet immer wieder Wege durch die Dunkelheit zu brechen.“ Draußen geben Helferinnen und Helfer von DRK, Johanniter, Stadtmission Magdeburg und ASB Kerzen für die Lichterkette aus, Tee und Kaffee zum Aufwärmen. Manche von Ihnen waren vor einem Jahr hier auch im Einsatz.
Fühlen Sie sich selbst belastet, leiden unter Gewalt und Verletzung, empfinden Trauer oder Einsamkeit? Hier gibt es Beratung und Hilfe:
Telefonseelsorge bundesweit
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 116 016
Weißer Ring – Hilfe für Opfer von Gewalt
