Es gibt immer eine soziale Frage

06.07.2026

Gestern endete in Erfurt der Parteitag der AfD, der das ganze Wochenende in der ganzen Landeshauptstadt von vielen friedlichen Protesten und Aktionen sehr kritisch begleitet wurde. Den Protestierenden ging es vor allem darum, auf Gefahren für die Menschen in unserem Land, für unsere Demokratie und für unsere gemeinsame Zukunft in schwierigen Zeiten hinzuweisen – Gefahren, die von den Zielen und konkret von der Programmatik der AfD ausgehen. Im Gottesdient der Predigergemeinde in Erfurt ging es gestern vor allem um Fragen der Menschenwürde und der Unterstützung in Teilhabe, Integration und der sozialen Arbeit. Senior Dr. Matthias Rein (Leiter des Kirchenkreises) hatte für die Predigt eine kleine Gruppe Menschen eingeladen, die jeweils eine bestimmte Perspektive einbringen sollten. Den Beitrag unseres Pressesprechers Frieder Weigmann veröffentlichen wir hier.

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Der Pressesprecher der Diakonie Mitteldeutschland Frieder Weigmann (Der Zweite von links) wurde zur Mitgestaltung des Gottesdienstes in die Predigergemeinde eingeladen. (Foto: Diakonie Mitteldeutschland)

„Die Diakonie ist die Soziale Arbeit der Evangelischen Kirchen. Die Diakonie Mitteldeutschland ist der Sozialverband der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Zu uns gehören auch Vereine wie der CVJM und soziale Einrichtungen der evangelischen Freikirchen in unserem Gebiet. Fast 35.000 Menschen arbeiten hauptberuflich unter diesem Dach. Die Zahl der Mitarbeitenden steigt, weil die Aufgaben steigen.

Es gibt immer eine soziale Frage. Und unser christlicher Glaube ist verknüpft mit der Frage, wie ich mit Menschen umgehe, die in irgendeiner Weise in einem Nachtteil sind. Im Alten Testament geht es dann oft um die Witwen und Waisen oder um die Fremdlinge. Im Neuen Testament begegnen mir auch Geschichten von Behinderung und Krankheit, die zu Ausgrenzung führen. Jesus sagt auf die Frage, welches Gebot das Größte oder Wichtigste ist: liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Die Liebe zu Gott, an anderer Stelle auch Gehorsam gegenüber Gott, ist die Grundlage für meine Sicht auf den anderen und meine Zuwendung zum anderen.

Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter wird sehr gern als die biblische Grundgeschichte für Diakonie erzählt: Da sind die gesellschaftlich und in der religiösen Gemeinde hoch angesehenen Menschen, die achtlos an dem vorüber gehen, der ausgeraubt, geschlagenen und verletzt am Wegesrand liegt und dann kommt einer, der selbst ausgegrenzt ist, nicht zum „Kernvolk“ in Israel gehört, und der zeigt Barmherzigkeit, sieht die Not, hilft und handelt, versorgt den Verletzten und denkt sogar voraus. Hier sehe ich sogar so etwas wie eine Vorlage für unseren modernen Sozialstaat: der Samariter sucht nicht nur eine Pflegeunterkunft, sondern gibt dem Wirt sogar noch Geld, damit der Verletzte weiter gepflegt werden kann.

Während sich auf der Messe am Samstag die Delegierten der AfD zum Bundesparteitag trafen, haben sich viele Menschen in Erfurt am Wochenende zum Protest, zur Feier der Gemeinschaft oder zum Gottesdienst versammelt. (Foto: Diakonie Mitteldeutschland)

Ein Gleichnis, eine ganz alte Geschichte, die alle wichtigen Fragen der modernen Sozialfürsorge einschließt: Was ist Not? Wie wird sie sichtbar? Wer und was kann helfen? Wie findet der notleidende Mensch aus der Not heraus? Wie wird die Hilfe finanziert?

Kirchenleitungen und Diakonie-Verbände werden in den letzten Jahren häufig gefragt und kritisch hinterfragt, warum führende Personen so zunehmend politisch auftreten. Der Verweis auf das, was Jesus seinen Jüngern aufgetragen hat, ist immer erst dann politisch, wenn die, die unsere öffentlichen Belange regeln und entscheiden sollen, der Botschaft und dem Auftrag der Nächstenliebe widersprechen. Es waren und sind die Rechtspopulisten und maßgeblich die AfD, die unser Handeln in der Liebe diffamiert haben, engagierte Christinnen und Christen wurden als „Gutmenschen“ beschimpft, Diakonie und Caritas als Asylindustrie bezeichnet und als die, die das christliche Abendland in den Untergang führen. Die AfD macht den Versuch „Christlichkeit“ und Nächstenliebe umzudeuten. Sie verlangt heute von Sozialeinrichtungen und den Wohlfahrtsverbänden, dass sie der ideologischen und letztlich verachtenden Unterscheidung von Menschen nach ihrer Herkunft zustimmen. Die AfD deklassiert Menschen nach ihren Fähigkeiten, nach Herkunft, nach Lebensentwürfen – und verfolgt Änderungen in unserer Sozialstaatlichkeit, die ganz gewiss vielen von den Menschen schaden werden, die heute mit Begeisterung den Rechtspopulisten folgen.

Die AfD ist die Partei des Egoismus und des Nihilismus – Egoismus, weil Vorteile staatlichen Handelns nur bestimmten Menschen zugutekommen sollen und Nihilismus meint: Es gibt keine objektiven Maßstäbe für „Gut“ und „Böse“, keine übergeordnete moralische Instanz.

Christen sind berufen, Gemeinschaft zu stiften, dem Nächsten zu dienen, Gottes Gebote zu halten. Über Jahrhunderte haben engagierte und gottesfürchtige Männer und Frauen soziale Einrichtungen gegründet und praktische Nächstenliebe geübt – aus dieser Arbeit sind im 19. Jahrhundert die ersten nationalen Sozialgesetze entstanden, aus diesen christlichen Leitbildern kommen moderne Begriffe von Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe. Soziale Einrichtungen erfüllen als Dienstleister ein Versprechen, dass das Staatsvolk sich gegenseitig und regelbasiert gibt: Sorge zu tragen für die, die nicht in allen Dingen für sich selbst sorgen können und einen Ausgleich zu schaffen zwischen verschiedenen Lasten.

Demokratie als Mitwirkung aller am Gemeinwohl und als Zugang für alle zu den Ressourcen – als Teilhabe zum Beispiel an Bildung oder sozialer Sicherheit – ist grundlegend christlich. Leider haben wir zu oft und zu lange unser Demokratie-Modell als Wohlstandsversprechen verstanden. Vielleicht müssen wir neu lernen und verstehen, dass Teilen auch dann richtig ist, wenn es insgesamt weniger zu verteilen gibt.

Unterschiedliche Perspektiven unterschiedlicher Menschen fanden in der Predigt ihren Raum. Betont wurde, was uns als Gesellschaft zusammenhält. (Foto: Diakonie Mitteldeutschland)

Die AfD reagiert auf die Krisen unserer Zeit mit Wegschauen und Verneinen, mit Ideen von Abschottung und Abschiebung. Das geht nur in autoritären Strukturen. Die AfD ist nicht konservativ und liberal, wie gestern hier in Erfurt wieder behauptet wurde. Wer Freiräume von Menschen reduziert, um Egoismen einer auserwählten Gruppe zum Erfolg zu führen, der schränkt Freiheitsrechte ein, der muss Freiheitsrechte einschränken.

Ich persönlich bin eher bereit, etwas von meinem Wohlstand herzugeben, als von unserer Freiheit. Das treibt mich an.

Wohlergehen für alle, Teilhabe, sozialen Frieden und eine Zuversicht in Gemeinschaft gibt es nur in Freiheit.”

Text: Frieder Weigmann, Pressesprecher der Diakonie Mitteldeutschland