Inklusion ist Pflicht, keine Option
Melanie und Christoph Ney lieben die Gartenarbeit. Es gibt immer etwas zu tun – den Rasen pflegen, Unkraut jäten, aus Steinen, Stauden und kleine Figuren eine Erholungslandschaft gestalten. Es gibt einen Tisch unter einem Schatten spendenden Pavillon und einen Grill. Das Vogelhaus hat Christoph Ney selbst gebaut, um gefiederte Freunde in den Garten einzuladen. Melanie und Christoph Ney brauchen nur aus ihrer Erdgeschosswohnung heraustreten, um direkt in ihrem Teil des Gartens zu stehen. Den Garten und das Haus teilen sie sich mit anderen in dem großen historischen Gelände der Evangelischen Stiftung Neinstedt.
Kontakt

(Foto: Diakonie Mitteldeutschland)
Menschen mit Beeinträchtigungen haben ein gesetzlich verbrieftes Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, auf gleichberechtigte Teilhabe und gesellschaftliche Anerkennung. „Wir fühlen und hier sehr wohl.“, sagt Melanie Ney. Ihr Mann Christoph wünscht sich einfach, dass Sie weiter hier wohnen können und bei Bedarf weiter die unmittelbare Unterstützung nutzen können, die ihnen hier angeboten wird. Christoph Ney weiß, „dass es anderen schlechter geht, weil sie mehr Hilfe brauchen. Wenn es weniger Mitarbeiter gibt, die helfen können, ist das für die ganz schlecht!“

Neinstedt ist ein Ortsteil der Stadt Thale im Nordharz. Seit 1850 gibt es hier christlich-soziale Arbeit, begründet von dem Unternehmer Philipp von Nathusius. 1861 richtete seine Schwester Johanne mit dem Elisabethstift eine Hilfseinrichtung für geistig behinderte Menschen ein, die mit modernen Förderungs- und Bildungskonzepten damals zu den größten Sozialwerken in Deutschland avancierte.
Dem fühlt man sich heute in der Stiftung noch immer verpflichtet. Die Menschen mit Behinderung, die hier wohnen und arbeiten, haben sehr unterschiedliche Möglichkeiten, selbständig zu handeln und selbstbestimmt zu leben. Ramon Schönfeld ist wichtig, dass allen so geholfen wird, wie es die individuellen Handicaps verlangen. Er engagiert sich im Bewohnerbeirat, so wie Melanie und Christoph Ney auch. „Ausgrenzerei“, wie er es nennt, kann ihn richtig wütend machen. „Jeder darf seine Meinung sagen und jeder darf Teilhabe haben, alles andere ist nicht schön!“ Ramon Schönfeld wünscht sich, dass Menschen mit Behinderung in ihrer Situation gesehen und wahrgenommen werden. Melanie Ney pflichtet ihm bei: „Die Politiker können uns doch hier mal besuchen und sehen, wie unser Alltag ist. Ich wünsche mir von ihnen, dass zumindest die Förderung, die es heute gibt, auch erhalten bleibt.“

René Strutzberg ist Geschäftsführer der Schloss Hoym Stiftung. Das Schloss, gut 20 Kilometer östlich von Neinstedt, bietet Menschen mit Behinderung verschiedene Wohnformen. Längst gehören in Hoym wie in Neinstedt auch Außenwohngruppen in umliegenden Orten dazu. „Komplette Barrierefreiheit gibt es nicht und wird es nie geben.“, sagt Strutzberg, „Mir ist bewusst, dass die Mittel dafür immer begrenzt bleiben. Wir müssen gemeinsam mit dem Land intelligente Lösungen erarbeiten, um die Kosten in den Griff zu bekommen. Wir müssen uns da ehrlich machen bei dem, was wir erreichen können. Und wir müssen Inklusion als gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe begreifen. Wir brauchen alle – in den Ämtern, in den Verbänden, die Fachkräfte in der Betreuung, die Beiräte der Betroffenen und die politisch Verantwortlichen.“ René Strutzberg hebt die wichtige Arbeit des Landesbehindertenbeauftragten hervor. Die gemeinnützigen Wohlfahrtsverbände in Sachsen-Anhalt setzen darauf, die politische Selbstvertretung von Menschen mit Beeinträchtigungen zu stärken. Der Landesbehindertenbeirat muss bei relevanten Gesetzes- und Verwaltungsprozessen verbindlich angehört und beteiligt werden.

Menschen mit Beeinträchtigungen sind auf dem freien Wohnungsmarkt massiv benachteiligt. Es gibt zu wenig barrierefreie Wohnungen und es mangelt an sozialer Mietpreisbindung. Menschen mit Beeinträchtigungen haben praktisch keinen Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt. Viele Arbeitgeber wissen nicht um das Potential von Menschen mit Beeinträchtigungen und ihren wertvollen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Geschützte Werkstätten und Betriebe des allgemeinen Arbeitsmarktes könnten enger kooperieren.
Inklusion ist kein Randthema und kein Wunschdenken. Zur Landtagswahl 2026 fordert die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Sachsen-Anhalt ein klares Signal aller Parteien für ein Land, das Vielfalt als Stärke begreift, Menschen mit Beeinträchtigungen als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger anerkennt und Inklusion nicht als Option, sondern als Verpflichtung gestaltet.
Es ist später Nachmittag, die Sonne dieses Sommers brennt heiß. Der Schatten der Bäume bietet Schutz und die alten Mauern der Stiftungsgebäude stellen einen sicheren Raum. Schutzräume, die Ramon Schönfeld, Melanie und Christoph Ney für andere erhalten wollen und auch selbst brauchen.
Mehr von Melanie und Christoph Ney, Ramon Schönfeld und René Strutzberg und den Ideen und Forderungen der gemeinnützigen Wohlfahrtsverbände im podcast und auf menschlichkeitwaehlen.de.
Text: Frieder Weigmann, Pressesprecher der Diakonie Mitteldeutschland
