21.02.2008

Diakonie-Präsident in Eisenach zu Betreuungsgeld-Plänen der Bundesregierung

Berlin/Eisenach. „Es ist gut, wenn auch in den alten Bundesländern Familien mit kleinen Kindern durch mehr Betreuungsangebote unterstützt werden, doch das Betreuungsgeld geht nach den Erfahrungen in Thüringen in die falsche Richtung.“, so Diakoniepräsident Klaus-Dieter Kottnik am Donnerstag in Eisenach im Anschluss an ein Gespräch mit Fachleuten der Diakonie Mitteldeutschland. Thüringen ist bislang das einzige Bundesland, in dem bereits Erfahrungen mit dem Betreuungsgeld für Familien existieren.

Seit Monaten gibt es Debatten zu einem umstrittenen Gesetzesentwurf der Bundesregierung, wonach das Betreuungsgeld 2013 bundesweit eingeführt werden soll. So erklärt Marita Leyh, Kita-Referentin der Diakonie Mitteldeutschland, dass nach der Einführung des Thüringer Betreuungsgeldes im Juli 2006 die Zahl der Zwei- bis Dreijährigen in den Kitas um 7 Prozent zurückging. Dies gehe aus den Daten des Statistischen Landesamtes hervor. Familien erhalten in Thüringen je nach Kinderzahl 150 bis 300 Euro im dritten Lebensjahr eines Kindes. Das Geld ist für Kinder-Betreuungskosten bestimmt und kommt den Familien ganz zugute, wenn ein Kind zuhause betreut wird.

„Eine qualitative Untersuchung steht noch aus, doch wir können in unseren Einrichtungen sehr deutlich nachvollziehen, dass vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen als Reaktion auf die gesetzliche Neuregelung ihre Kinder erst später in die Kita geben.“, so Leyh. „Unsere langjährigen Debatten um frühkindliche Förderung und Thüringer Bildungsplan gehen an diesen Kindern nun vorbei“, mahnt die Expertin. Nicht akzeptabel sei auch die Tatsache, dass mit diesem Betreuungsgeld in Thüringen für die Familien eine Finanzierungslücke von bis zu zehn Monaten klafft, da das Bundeselterngeld maximal bis zu 14 Monaten gezahlt wird, das Thüringer Erziehungsgeld jedoch erst ab dem 24. Monat greift.

Das Geld werde in den Familien dringend gebraucht, machen die Erzieher und Erzieherinnen geltend. „Wir stehen in Thüringen und Sachsen-Anhalt in der Armutsstatistik bundesweit ganz vorn, vor allem die unter 15-jährigen sind mit bis zu 30 Prozent in einzelnen Regionen massiv betroffen. Langzeitarbeitslosigkeit und Armutslöhne werden weiter zementiert, wenn auch die nächste Generation fast automatisch von dem enormen Potential einer frühkindlichen Bildung ferngehalten wird.“, erklärt Eberhard Grüneberg, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland. „Von einer Wahlmöglichkeit kann bei Familien mit niedrigen Einkommen nicht mehr gesprochen werden, die brauchen das Betreuungsgeld an der Kasse im Supermarkt.“

Diakoniepräsident Kottnik betont, dass auch vor dem Hintergrund der aktuellen Integrationsdiskussion das Betreuungsgeld kontraproduktiv sei. „Sprachvermittlung und -erziehung sind wesentlicher Teil der frühkindlichen Förderung. Eine frühe Förderung aller Kinder, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, ist Hauptanliegen von Evangelischen Tageseinrichtungen für Kinder.“ Das Diakonische Werk der EKD setze sich seit langem dafür ein, dass Hilfen für Kinder diesen möglichst auch direkt und gezielt zukommen. Zusätzliche Mittel dürften nicht wieder einfach nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden, sondern sollten auch als staatliches Steuerinstrument zur Armutsbekämpfung genutzt werden. „Chancengerechtigkeit erreicht man am effektivsten durch Bildung und gezielte Förderung“, so Kottnik.

In Thüringen gibt es mehr als 180 evangelische Kindertagesstätten, in denen etwa 8.000 Kinder ganztags oder stundenweise betreut werden.

Weitere Informationen:
Frieder Weigmann, Pressesprecher Diakonie Mitteldeutschland, Tel.: 03691-810 317
Barbara-Maria Vahl, Pressesprecherin Diakonisches Werk der EKD, Tel.: 030-83001 130
https://www.diakonie-mitteldeutschland.de/presse_2008_diakonie-praesident_in_eisenach_zu_betreuungsgeld-plaenen_der_bundesregierung_de.html