30.03.2010

Selbst „trocken, satt und sauber“ in der Pflege bald in Gefahr

Die AOK Sachsen-Anhalt plant ab dem 1. April 2010 eine 15prozentige Kostenabsenkung der Versorgung von Menschen mit Inkontinenzschwächen. Die Verwendung geeigneter Produkte soll nicht mehr wie bisher mit 35 Euro vergütet werden, sondern nur noch mit 29,90 Euro. „Während der Medizinische Dienst der Krankenkassen die Qualität der Pflegeeinrichtungen auf Herz und Nieren prüft, nimmt es ausgerechnet eine der größten Krankenkassen unter der Gürtellinie nicht mehr so genau.“ beklagt Kathrin Weiher, Vorstand Soziale Dienste der Diakonie Mitteldeutschland, die geplante Herabsetzung der Vergütungspauschale.

„Vor zehn Jahren wurde noch eine Pauschale von 55 Euro gezahlt, jetzt soll die Hälfte ausreichend sein. Soviel technischer Fortschritt kann in der Pflege gar nicht realisiert werden, wie hier offenbar erwartet wird.“ Die Diakonie Mitteldeutschland befürchtet vielmehr, dass die AOK eine höhere Kostenbelastung der Einrichtungen und höhere Eigenbeiträge und Zuzahlungen durch die Betroffenen einkalkuliert. Die Herabsetzung der Vergütungspauschale soll laut Hersteller damit aufgefangen werden, dass vorwiegend offene Systeme und Standardprodukte bei der Inkontinenzversorgung eingesetzt werden. Das kann bei bestimmten Erkrankungsbildern und individuellen Anforderungen nachteilig für das Wohlbefinden der Bewohner sein und führt zu Mehrkosten in der Einrichtung. Die Einrichtung trägt die Personal- und Sachkosten für den pflegerischen Mehraufwand, welcher wiederum über den Pflegesatz dem Betroffenen in Rechnung gestellt werden muss. Es findet hier eine Verschiebung der Kosten auf die Bewohner statt. „Nicht das Wohlergehen der Menschen, sondern Sparzwänge stehen im Vordergrund. Bei allem Bemühen um menschenwürdige und individuelle Pflege in unseren diakonischen Einrichtungen – die Kürzungen bei Hilfsmitteln können wir nicht mit Fleiß und gutem Zureden kompensieren“ sagt Kathrin Weiher. „Wir sprechen hier als Wohlfahrtsverband auch über die Frage, nach welchem Menschenbild wir in Zukunft noch pflegen. Bisher haben wir uns schon gegen das ‚trocken, satt und sauber’ der bloßen Verrichtung verwahrt, künftig soll wohl ‚trocken’ eingeschränkt sein!“

Harninkontinenz geht für viele Menschen mit einem Verlust von Lebensqualität einher. Die Betroffenen ziehen sich zurück, die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben leidet. Das Umfeld meidet Menschen, bei denen Harninkontinenz auffällig wird. Menschen mit einer leichten Inkontinenz werden vom zukünftigen Versorgungsvertrag der AOK Sachsen-Anhalt ausgeschlossen. Die anfallenden Kosten ihrer chronisch degenerativen Erkrankung müssen sie, wie bei einer Erkältung die Taschentücher, allein tragen. Menschen mit Sozialhilfebezug werden die eigene Inkontinenzhilfsmittelversorgung mit ihrem Taschengeld kaum finanzieren können. Armut verstärkt dann auch in diesem Punkt die soziale Ausgrenzung. In einer früheren Vereinbarung mit der AOK Sachsen-Anhalt war der Anspruch von Pflegbedürftigen auf eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben formuliert. In der neuen Vereinbarung findet sich dieses Grundrecht des Bewohners nicht wieder. Die Vermutung liegt nahe, dass die AOK diesen Anspruch aufgibt. Zudem steigen mit der neuen Vereinbarung die gesundheitlichen Risiken, angefangen von Hautirritationen bis hin zur erhöhten Decubitusgefahr.

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