Dauercampen wäre billiger

53871838_689.jpgAngela Merkel hat den Brief nie beantwortet. Edelgard Krüger wollte wissen, ob die Regierung davon ausgehe, „dass Menschen im Hartz-IV-Bezug keine intelligenten Kinder haben.“ Jedenfalls ist es sehr schwierig, eine 3-Raum-Wohnung mit 66 Quadratmetern in Blankenburg (Harz) zu behalten, damit auch der Sohn, der in Leipzig studiert, noch so etwas wie ein Zuhause hat. Für das Jobcenter gilt: Edelgard Krüger lebt allein, mehr als 50 Quadratmeter sind nicht erlaubt. Die Miete von 315 Euro wird nur zum Teil erstattet, den Rest zahlt Krüger aus dem, was sie zum Lebensunterhalt bekommt. Früher zahlte das Jobcenter 300 Euro. Anfang 2013 setzte das Jobcenter die Höchstgrenze für die Erstattung einfach herunter. Seither gibt es nur noch 250 Euro für Wohnraum für eine Person.

Edelgard Krüger will nicht ausziehen. Sie weiß, dass sie irgendwann im Rollstuhl sitzen wird. Die Parterrewohnung ist barrierefrei. „Ich bin vierzehnmal umgezogen in meinem Leben. Ich packe das nicht mehr. Und eine Wohnung wie diese finde ich in Blankenburg nicht so leicht.“ Sie wehrt sich juristisch gegen den Bescheid aus dem Jobcenter. Ihr Anwalt sagt, dass es Jahre dauern kann, bis sie per Gerichtsurteil wieder mehr erstattet bekommt.

Also weniger Geld und auch kein Brief aus dem Kanzleramt, nicht mal eine freundliche Standardantwort. Krüger ist eine fröhliche und freundliche Frau, keine Spur von Bitterkeit. Sie lacht, als könnte sie die Sorgen damit vertreiben. Doch die Sorgen bleiben. Wenn sie alle Fixkosten bezahlt hat, bleiben der 61-jährigen noch 100 Euro im Monat. „Einmal einkaufen, mal das kleine Auto betanken – dann ist das Geld fast weg.“


Über die Jahre wird es immer schlechter

Edelgard Krüger kann nicht gut laufen, hat Arthrose in den Füßen, Knie und Rücken sind kaputt. Sie ist auf ein Auto angewiesen. „Ein Teufelskreis!“ Und dann erzählt sie, dass es ihr zeitweise richtig schlecht geht, meist am Morgen, nach dem Aufstehen. Dann erscheint ihr alles erdrückend. „Das Schlimme ist: Man sieht kein Licht am Horizont. Wenn ich weiß, in ein oder zwei Jahren wird es besser, kann ich gut durchhalten. Über die ganzen Jahre wird es aber immer schlechter.“

Es war ja mal besser. Edelgard Krüger lernt Verkehrsfacharbeiter bei der Deutschen Reichsbahn, arbeitet einige Jahre bei der Bahn, danach bei der Post. Sie heiratet, bekommt zwei Söhne. Fast zehn Jahre arbeitet sie im Kloster Michaelstein, einer Kultur- und Forschungsstätte in Blankenburg, die durch das Institut für Aufführungspraxis der Musik des 18. Jahrhunderts bekannt wurde. „Eine traumhafte Stelle, die schönste Zeit meines Lebens.“

Nehmen, was angeboten wird

Im Sommer 1989 dann die Scheidung. Eine eigene Wohnung für sich und die Kinder? Drei Jahre wären die normale Wartezeit gewesen, bis dahin muss sie sich mit dem Ex-Mann arrangieren. Den Fall der Mauer sieht Krüger als ihre große Chance. Ihr Bruder lebt schon lange im Westen. Er hat Kontakte, kann ihr eine Stelle in der Altenhilfe besorgen, Dienstwohnung, Dienstwagen und Kindergarten gleich mit dabei. Kurz vor Weihnachten ´89 kündigt sie ihre Stelle am Musikinstitut, startet in ein neues Leben. „Das war mein größter Fehler.“ Nach einem halben Jahr ist sie wieder in Blankenburg. Die versprochene Stelle hat es nicht gegeben, eine andere Arbeit für eine alleinerziehende Mutter mit kleinem Kind auch nicht. „Seither war ich immer wieder arbeitslos.“

Sie hat es mit einer neuen Ausbildung versucht und wollte Steuerfachgehilfin lernen. Das Arbeitsamt wollte dafür aber keine Förderung geben. Mit 40 nimmt sie keiner mehr, hieß es von Amts wegen. Edelgard Krüger nutzt, was ihr angeboten wird. Drei Jahre arbeitet sie in einem Tourismusprojekt in einem Ein-Euro-Job, zuvor im Arbeitsamt, um dort anderen beim Ausfüllen der Anträge zu helfen. Mit dem dort erworbenen Wissen ist sie auch in der Schuldnerberatung der Diakonie willkommen. Von 2008 bis 2011 hilft sie Menschen bei Antragstellungen, unterstützt die Arbeit der Beraterinnen. Auch diese Stelle ist eine geförderte Arbeit, ein Zubrot, aber eine schöne Aufgabe, die sie gern und engagiert wahrnimmt.

Eine Spirale, die nach unten führt

Den ersten Kontakt zur Schuldner- und Insolvenzberatung der Diakonie hat sie als selbst Betroffene. Von einem Tag auf den anderen hatte die Sparkasse ihr den Dispo gekündigt und forderte 3.000 Euro zurück. Begründung: wer Hartz IV bezieht, bekommt keinen Dispo. Der Einsatz der Diakonie-Beratungsstelle bringt später etwas Entlastung. In einem Vergleich einigt man sich auf 1.500 Euro Rückzahlung in kleinen Schritten.

Seit 2011 ist Edelgard Krüger wieder arbeitslos. Noch immer schreibt sie regelmäßig Bewerbungen. Inzwischen nur noch per E-Mail, denn die Mappen sind teuer und kommen selten zurück. Sie durchforstet das Internet nach Stellenangeboten, laut Rentenbericht muss sie noch bis Januar 2019 arbeiten. Das Jobcenter wird sie zwingen, schon eher in Rente zu gehen. Mit 63 Jahren, das ist übliche Praxis. Sie wird dabei zehn Prozent Abschlag in Kauf nehmen müssen und hat dann etwa 720 Euro Rente im Monat. „Es geht damit finanziell so weiter wie bisher, die Rente liegt für mich auf Hartz-IV-Niveau.“

Edelgard Krüger hält den Kontakt zur Diakonie-Beratungsstelle. Und sie freut sich immer, wenn der 17-jährige Enkel sie besucht, „obwohl der mir die Haare vom Kopf frisst!“ Zudem hat sie drei oder vier feste Freundinnen, mit denen sie sich trifft und austauscht. Sie würde auch gern regelmäßig in Konzerte gehen, doch dafür reicht das Geld nicht. Seit sechs Jahren sitzt Krüger einmal in der Woche am Pokertisch in einer festen Spielerrunde. Nein, um Geld wird da nicht gespielt. „Dann ginge es mir ja noch schlechter – ich verliere meistens.“ Edelgard Krüger hat in 27 Jahren nicht einmal Urlaub gemacht, dabei liebt sie die Ostsee. Dieses Jahr hat es geklappt. Sie war mit einer Freundin eine Woche in Schleswig-Holstein und hat die Zeit genossen, obwohl es fast durchweg geregnet hat. Dauercamper auf einem Campingplatz, um die Miete für eine Wohnung zu sparen – das ist für Edelgard Krüger die schöne Vorstellung von einem Rentnerdasein mit weniger Angst und Sorgen.

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