Zwischen Not und Hoffnung - Bahnhofsmissionen warnen vor verschärfter Armut

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Steffen Mikolajczyk
Referent Grundsatzfragen Sozialpolitik/ Sozialplanung

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(16. April 2021) „Bahnhofsmissionen sind ein Frühwarnsystem für gesellschaftliche und soziale Entwicklungen. Veränderungen beim Thema Armut fallen hier besonders schnell auf. Die Entwicklung ist besorgniserregend.“ Constantin Schnee (56), Leiter der Bahnhofsmission Halberstadt, schildert im Gespräch, wie dramatisch sich die Situation für Menschen in Notlagen seit Beginn der Corona-Pandemie verschärft hat.

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Julius Mikutta: „Ich war bis jetzt oft an den Gleisen und habe da geholfen. Das macht sehr viel Spaß. Du lernst nette Leute kennen, kommst mit ihnen ins Gespräch.“ (Foto: Diakonie Mitteldeutschland)

„Seit März 2020 gibt es einen deutlichen Anstieg der Zahl der Wohnungslosen. Zum ersten Mal kam auch eine Frau ohne Obdach in ihrer Not in die Bahnhofsmission. Ich habe nachgerechnet: es geht in dieser Krise für uns um das Achtfache der materiellen Hilfen - das sind Kleidung, Schuhe, ‘Notbrot‘ und anderes mehr. Ein besonderes Problem während der letzten Monate waren und sind die Heimkehrer: Obdachlose aus anderen Städten aber auch aus anderen Ländern (z. B. Spanien) kehren zurück. Die Öffnungszeiten der Bahnhofsmission haben sich nun verdreifacht. Inzwischen hat die Wärmstube der Caritas und die Tafel in Halberstadt wieder geöffnet. Die Situation entspannt sich damit etwas.

Die Kolleginnen und Kollegen in Halle haben mir ähnliches berichtet. Weil Tafeln geschlossen hatten, das Schulessen wegfiel, Lebensmittel durch Hamsterkäufe teurer wurden, strandeten erstmals junge Familien in der Bahnhofsmission. Viele junge Leute, die vorher über die Runden kamen – sagen wir besser: ‚gerade so‘ über die Runden kamen – wurden nun zu Ratsuchenden der Bahnhofsmission. Wieso erwähne ich die Hamsterkäufe? Für diese Familien macht es einen großen Unterschied ob Nudeln für 45 Cent zu kaufen sind oder nur noch Nudeln für 1,99 Euro im Regal liegen. Sie erinnern sich an leere Regale im vergangenen Frühjahr? Jetzt fängt das wieder an.

Durch das Wegbrechen sozialer Kontakte sind mehr jüngere Männer (20-30 Jahre alt) in der Bahnhofsmission Halle angekommen. Vor allem mehr Menschen mit psychischen Störungen und Suchterkrankungen. Das alles zeigt, wie dünn unsere sozialen Absicherungen gestrickt sind und wie schnell das Netz reißen kann.

Ein zweites Problem bezieht sich auf die ehrenamtlich Mitarbeitenden in den Bahnhofsmissionen. Vorrausgeschickt werden muss, dass der Dienst in den Bahnhofsmissionen zum übergroßen Teil von Ehrenamtlichen geleistet wird und dass dies meist ältere Menschen sind. Diese gehören zu den vulnerablen Gruppen in der Corona-Pandemie. Sie sind vielerorts aus verständlichen Gründen zu Hause geblieben – und sie sind es teilweise weiterhin. Der Dienst hat sich also auf die verbliebenen Menschen verteilt und enorm verdichtet. Hohes Alter bei den Ehrenamtlichen war schon vor der Corona-Krise eine Herausforderung – jetzt hat sie sich weiter verschärft. Es fehlt hier vielerorts nicht an Spenden, sondern an Menschen.“ Das berichtet Constantin Schnee von der aktuellen Situation der Bahnhofsmissionen in Mitteldeutschland.

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„Man merkt das schon, dass viele Leute hier Suchtprobleme haben oder mit Alkohol zu tun haben.“ Eine Mahlzeit, ein Gespräch, ein kurzer Moment der Zuwendung. Die Bahnhofsmission ist ein Zufluchtsort für Menschen, die in von Armut, Suchterkrankungen oder schlicht von der Einsamkeit bedroht sind. (Foto: Diakonie Mitteldeutschland)

Hoffnung auf Entlastung gibt es wenig. In der Bahnhofsmission Halle gehört Julius Mikutta zu den wenigen zusätzlich helfenden Händen. Mitten in der Pandemie startete der 14-Jährige Schüler ein Praktikum bei der Bahnhofsmission. Trotz der angespannten Corona-Situation macht der Schüler auch positive Erfahrungen: „Mein schönster Moment: Wir haben einem blinden Mann an den Gleisen geholfen. Er hat sich wirklich gefreut und sehr bedankt.“ Die Verschärfung der sozialen Notlage spürt er jedoch ebenfalls sehr deutlich: „Ich finde es traurig, was ich hier sehe. Das ist nicht normal. Es ist doch normal, dass jeder in einem Haus wohnt. In der Bahnhofsmission bekommt man einen Einblick, wie es auch anders sein kann.“ Die „Normalität“, die schon vor der Corona-Krise keine war, ist während der Pandemie für viele Menschen in noch weitere Ferne gerückt.

Bahnhofsmissionsleiter Constantin Schnee beklagt die mangelhafte Unterstützung Notleidender: „Alles in allem: Menschen die am Existenzminimum leben, waren in den letzten Monaten besonders getroffen. Das Hartz IV-System hat sich als zu kompliziert und unflexibel gezeigt, um auf Krisensituationen reagieren zu können. Und trotzdem wurde diesen Menschen geholfen, nicht staatlicherseits, beispielsweise mit einer zeitlich begrenzten Aufstockung des Regelsatzes in der Grundsicherung, wie von den Wohlfahrtsverbänden gefordert, sondern durch viele einzelne Hilfen, durch Nachbarschaften und durch die Arbeit von Kirche und Diakonie.“

Hintergrund: Bahnhofsmissionen sind in Mitteldeutschland häufig ökumenisch betriebene Einrichtungen. Sie leben durch das Engagement zahlreicher Freiwilliger. Sie helfen nicht nur Fahrgästen mit körperlichen Behinderungen, sondern Spenden auch Zeit, Trost und Fürsorge an jene, die oft an den Rand der Gesellschaft gestellt werden. Der niedrigschwellige Zugang zu Hilfe erlebt in der Corona-Pandemie eine erhöhte Nachfrage. In den Bahnhofsmissionen werden soziale Notlagen in der aktuellen Krise besonders deutlich.

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