Besuchsregeln in Pflegeheimen

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OKR Christoph Stolte
Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland

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(11. Mai 2020) Die scheinbar schlichte Frage „Ist die Würde alter Menschen gewahrt?“ führt in diesen Tagen zu einer schwierigen Herausforderung. Beim Ausbruch der Pandemie Covid-19 haben die Bundesländer durch Eindämmungsverordnungen rigoros Besuchsverbote für Pflegeheime erlassen. Basis dafür sind die jeweiligen Infektionsschutzgesetze. Ohne Zweifel war dieser Schritt sinnvoll und richtig und hat viele Menschen vor Ansteckung bewahrt. Der Corona-Virus wird für Menschen mit einer Vorerkrankung, mit einem schwachen Allgemeinzustand und hohem Lebensalter sehr schnell zu einer tödlichen Gefahr. Tatsächlich sind in verschiedenen Pflegeeinrichtungen in kurzer Zeit sehr viele Menschen verstorben. Die starke Einschränkung des Lebensumfeldes, der Bewegungs- und Kontaktentzug war notwendig. Es war dem Schutz der Gesundheit und zur Wahrung der Würde der einzelnen Menschen angemessen.

Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Pflege- und Betreuungseinrichtungen gilt mein Dank und großer Respekt. Mit ihren Kompetenzen, ihrer Kraft und Empathie, ihrer Kreativität und ihrem Einsatz auf vielfältige Weise haben sie den durch die Besuchsverbote isolierten Menschen ein geduldiges Miteinander, Freude und Abwechslung ermöglicht. Teilweise wurde per Telefon oder Videotelefonie Kontakt zu Kindern, Enkeln, Freunden und Nachbarn hergestellt. Es wurde getröstet, ermutigt, gebetet und gesegnet. Menschen haben vor Pflegeheimen musiziert, Kinder haben Bilder gemalt, andere haben Blumen gepflückt. Diese vielen Zeichen gelebter Nächstenliebe berühren mich sehr.

Nun, Anfang Mai, ist die Lage eine andere. Zum einen ist die Ausbreitung des Virus deutlich verlangsamt, sind die Testkapazitäten erhöht. Strengere Hygieneregeln sind Gewohnheit geworden. Das Alltagsleben wird in kleinen Schritten wiederhergestellt. „Lockerungen“ der Kontaktbeschränkungen heißt dieses in der Sprache dieser Tage.

Zudem wird uns neu bewusst, dass zur Würde eines Menschen soziale Teilhabe oder anders ausgedrückt Leben in Gemeinschaft gehört. Körperliche Begegnungen und Gespräche mit Familie und Freunden, also wirkliches füreinander da sein, sichert die unantastbare Würde des Menschen. Das strikte Besuchsverbot, das in der akuten Krise lebenserhaltend war, bedeutet auf Zeit eine Einschränkung der Menschenwürde. An dieser Stelle zeigt sich ein Spannungsfeld, ein ethisches Dilemma. Auf der einen Seite maximaler Infektionsschutz durch Kontaktbeschränkung und auf der anderen Seite Selbstbestimmung des einzelnen Menschen zur Teilhabe an sozialem Leben trotz erhöhter Infektionsgefahr. Es gibt schlicht keine einfache Lösung, sondern nur ein verantwortetes Abwägen zwischen beiden Polen. Und nur dieses Abwägen ermöglicht es, die Würde des Einzelnen nicht anzutasten.


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Martina Nikolai spielt regelmäßig im Martin-Luther-Haus Akkordeon für die Bewohner und die Mitarbeitenden, nun geht das nur im Garten. (Foto: Diakoniestiftung Weimar Bad-Lobenstein)

Aber wie diesen Weg finden? Wichtig ist die Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner mit ihren Lebensvorstellungen. Aber Beteiligung gelingt nur begrenzt, da viele Menschen in den Pflegeheimen demenziell erkrankt sind. Wichtig ist das Gespräch mit dem Bewohnerbeirat und den Angehörigen. Dem gegenüber müssen Kinder und Enkel für sich entscheiden, wie sie der Mutter und Großmutter nahe sein können, ohne diese und andere Menschen mit dem Virus zu infizieren. Und es braucht das Gespräch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Pflegeeinrichtung, denn sie kennen die Bewohnerinnen und Bewohner sehr gut und sie sind Expertinnen und Experten für die gemeinsame Lebensgestaltung.

Wir müssen beachten, dass ein Pflegeheim das Zuhause der Bewohnerinnen und Bewohner ist. Sie können nicht, wie in einem Krankenhaus, einfach in dieses oder jenes Zimmer „verlegt“ werden, denn ihre Zimmer, oftmals mit eigenen Möbeln und individuellen Erinnerungsgegenständen, sind ihr ganz privates Zuhause, das es zu achten und zu respektieren gilt. Ich kann die Wünsche, Gäste im eigenen Zuhause und nicht in einem Besucherraum oder im Garten empfangen zu wollen, gut verstehen.

Wichtig sind klare Regeln der Hygiene und des Infektionsschutzes durch Abstand. Nah beieinander zu sein und doch 1,5 Meter getrennt? Das müssen wir einüben und auch dabei individuell entscheiden. Zärtliche Berührungen lassen demenziell erkrankte Menschen wohltuende Nähe spüren, besonders dann, wenn der andere als Kind oder Enkel nicht mehr direkt erkannt werden kann. Auch hier gibt es keine Generalregel.

Noch immer ein großes Thema: ausreichende Schutzkleidung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Besucherinnen und Besucher, konsequente und regelmäßige Testverfahren und eine umfangreichere Personalausstattung, um individuell soziale Teilhabe zu leben.


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Kontakt und Begleitung über online-Medien Im Diakoniewek Halle. (Foto: Diakoniewerk Halle)

Wir dürfen diesen schwierigen Entscheidungsprozess nicht vertagen. Viele lebenserfahrene Menschen leben nur eine kurze Zeit im Pflegeheim. Es ist unerträglich und unwürdig, wenn Menschen nach Wochen ohne Besuch ihrer Lieben versterben. Und es ist ebenso nicht zu verantworten, wenn Menschen nicht die Unterstützung eines Pflegeheimes in Anspruch nehmen, weil sie und die Familie Angst haben, sich für eine lange Zeit oder für immer nicht mehr zu sehen. Der Einzug in ein Pflegeheim darf nicht zum vorgezogenen Abschied werden.

Es bedarf individuell verschiedener Lösungen. Ich denke an eine alte, über 90jährige Frau, die ihre lebensbedrohlich erkrankte Tochter in einer stationären Einrichtung täglich besucht und Nähe lebt. Sie weiß um die Gefahr der Infektion für ihr Leben, aber sie entscheidet sich für die Begleitung ihrer Tochter in deren letzter Lebenszeit. Darf das sein? Muss hier Mundschutz getragen werden und der Abstand gewahrt bleiben? Ich denke nicht, denn es gilt die freie Entscheidung der Mutter zu achten, auch auf die Gefahr hin selber zu erkranken. Andere Menschen kommen im Garten in der Frühjahrssonne mit Mundschutz und Abstand, aber mit dem Herzen ganz nahe, mit geliebten Menschen zusammen. Kinder und Enkel wahren Distanz, um beieinander zu bleiben.

Wir achten die Würde alter Menschen, indem wir im ehrlichen, verantwortungsvollen und auch möglichst angstfreien Gespräch zu mutigen Entscheidungen kommen. Das sind immer nur Schritte, die auszuprobieren, zu erleben, zu reflektieren und zu entwickeln sind. Und es werden verschiedene Schritte an unterschiedlichen Orten, mit verschiedenen Begebenheiten und Menschen sein. Aber diese Schritte nicht zu gehen, keine Wege zwischen Infektionsschutz und sozialer Teilhabe zu suchen, das wäre unwürdig.

Ich bin überzeugt, dass wir als Christinnen und Christen im Vertrauen auf Gottes Nähe, die uns Nähe zu den Menschen ermöglicht, diese mutigen Schritte gehen können, um die Würde alter Menschen zu bewahren.


Text: Oberkirchenrat Christoph Stolte


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