Hani und Hamadi - Familien gehören zusammen

(26. August 2021) Hamadi Omar Ali spricht ruhig und leise, die Fragen beantwortet er in kurzen englischen Sätzen. Er wirkt bedächtig, vorsichtig und fast emotionslos. Er unterbricht immer wieder kurz, um seiner Schwester Hani und seiner Mutter Hawa auf Somali zu erklären, was er gerade erzählt hat. Es geht im Gespräch vor allem um entsetzliche und traumatische Erlebnisse einer Vertreibung und Flucht, Erlebnisse, bei denen man sich fragt, wie ein heute 15jähriger Junge und seine zwei Jahre jüngere Schwester all das ertragen konnten und tragen können. Die Plattenbauwohnung in Salzwedel ist für sie nun der sicherste Ort der Welt …

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Hani und Hamadi haben in ihrer Kindheit viel Schreckliches erleben müssen. In Salzwedel sind sie sicher und können sich endlich eine eigene Zukunft aufbauen. (Foto: Diakonie Mitteldeutschland)

Hani und Hamadi gehören zu einer Generation von Heranwachsenden, die in ihrer Heimat nie Frieden erlebt haben, keine Vorstellung davon haben, was ein geordneter Staat oder auch nur ein sicherer Weg zur Schule ist – die die beiden Kinder ohnehin nicht besuchen konnten. Dafür haben sie gelernt, die Entfernung von Gewehrsalven zu schätzen, sich zu verstecken, im Wald allein zu überleben. Seit 30 Jahren herrscht Bürgerkrieg in Somalia. Die islamische Al Shabaab-Miliz terrorisiert alle, die ihr nicht folgen, erpresst Schutzgeld und entführt Menschen.

In der ersten Ehe bringt Hawa Ali Cadow Zwillinge zur Welt. Ihren Ehemann verliert sie vor vielen Jahren durch Malaria. Sie heiratet wieder, betreibt mit ihrem zweiten Mann ein kleines Teehaus und bewirtschaftet ein Stück Land zur Selbstversorgung. Hamadi und Hani kommen zur Welt.

Die Terroristen kamen und verlangten Geld, was der Mann verweigerte. Das war der Tag, an dem sie das Haus und damit die Existenz der Familie niederbrannten. Später zog der Vater los, um Essen zu besorgen. Niemand weiß, was dem Vater zustieß – er kam nicht zurück. Das war 2015.

Von den Zwillingen aus erster Ehe wird 2017 das Mädchen entführt. Zwangsverheiratungen sind an der Tagesordnung. Der große Sohn wird ein Jahr später entführt, der Großvater getötet. Al Shabaab zwingt die jungen Männer in Söldnerdienste. Hamadi und Hani verstecken sich im Wald.

Die Terror-Miliz droht, am nächsten Tag wiederzukommen. Sie wollen Hawa steinigen lassen, weil sie sich nicht fügt. Die Familie lebt schutzlos. Die Tatsache, dass die Opfer auch Muslime sind, hält die Terroristen nicht von Anschlägen und Übergriffen gegen Zivilisten ab. Es ist kein religiöser Krieg, sagt Hamadi.

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Hawa musste mitten in der Nacht ihre Heimat verlassen und fliehen, um ihr Leben zu retten. Auf der Flucht hat sie viel Gewalt und Graumsamkeit erleben müssen. (Foto: Diakonie Mitteldeutschland)

Mutter Hawa flieht noch in der Nacht zusammen mit einer Nachbarin, die auch eine Zwangsverheiratung befürchtet, in den Sudan. Im eiligen Aufbruch konnte sie ihre Kinder Hamadi und Hani nicht finden. Die Kinder sind jetzt elf und neun, verbringen etliche Tage im Wald. Als sie zurückkommen, ist die Mutter fort. Doch man hilft sich im Dorf, eine Nachbarin nimmt sie auf und versorgt sie die nächsten zwei Jahre.

Hawa Ali Cadow flieht über Äthiopien und den Sudan nach Libyen. 25 Tage braucht sie für den Weg durch Nordafrika. Es war 2017, als sie bei der Entführung ihres Sohnes mit einem Gewehrkolben hart gegen den Kopf geschlagen wurde. Sie leidet bis heute an den Folgen. Die Flucht ist strapaziös, doch der Weg mit dem Boot von Libyen nach Italien gelingt. Erst in Deutschland telefoniert sie mit ihren jüngsten Kindern. Die Mutter verspricht, dass sie sie nachholen wird, sobald sie als Flüchtling in Europa Aufnahme findet. Im Oktober 2019 wird sie als Flüchtling anerkannt. Sie bucht umgehend einen Termin auf der Warteliste der deutschen Botschaft Nairobi zur Familienzusammenführung. Hawa informiert ihre Kinder und die Nachbarin in Adale, dass sie versuchen sollen, nach Mogadischu zu kommen. Dort sollen sie Pässe und Geburtsurkunden besorgen und dann nach Nairobi fahren.

Hier, in der Hauptstadt Kenias, hunderte Kilometer der Heimat entfernt, ist ihr Leben sicher. Sie bekommen Hilfe durch die International Organisation of Migration (IOM). Und durch Peter Desoi. Desoi engagiert sich ehrenamtlich im Verein „Exchange“ in Salzwedel. Er fliegt nach Nairobi, um die Gestrandeten vor Ort zu unterstützen. Mehr als neun Monate lebt er in Kenia, versucht, das Prüfen von Dokumenten und Berichten zu beschleunigen. (Mehr dazu in unserem Youtube-Gespräch.)

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Peter Desoi engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich in der Geflüchtetenhilfe. Er unterstützt Menschen, die in Salzwedel eine neue Heimat finden. (Foto: Diakonie Mitteldeutschland)

Auch die Mutter kann die Kinder in Kenia für ein paar Monate besuchen. Doch jetzt, 2020, ist es die Corona-Pandemie, die eine Familienzusammenführung unmöglich macht. Zwölf Monate müssen Hani und Hamadi in Nairobi ausharren. Im März 2021 gelingt die Familienzusammenführung in Deutschland. Flüge und Gebühren werden zum Teil aus der Spendenaktion der Diakonie Mitteldeutschland „Familien gehören zusammen“ finanziert.

Zwei Wochen Quarantäne nach der Einreise und danach leben die Kinder mit ihrer Mutter in einer neuen, ganz anderen Welt.

Hamadi und Hani besuchen jetzt die Schule, lernen deutsch in einer Integrationsklasse in Salzwedel. Sie haben viel nachzuholen, Hani lernt gerade Schreiben. Etwas unsicher und krakelig setzt sie ihren Namen in Druckbuchstaben. Sie schaut immer wieder zu ihrem Bruder, der sie ermutigt und Hinweise gibt. Dann legt sie den Stift beiseite und kichert fröhlich hinter vorgehaltener Hand.

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Hamadi und Hani haben in ihrer Heimat nie eine Schule besuchen können. Die ersten Schreibversuche waren noch etwas zögerlich, gehen aber inzwischen zunehmend sicherer von der Hand (Foto: Diakonie Mitteldeutschland).

Hintergrund: Familien besitzen ein besonderens Schutzrecht. Diese Ansicht ist nicht nur ein Ausdruck christlicher Nächstenliebe, sondern ein konsequentes Eintreten für das Grundgesetz: Ehe, Familie und die Kindererziehung durch die Eltern sind besonders schützenswert. Es widerspricht den Regeln der Menschlichkeit, dieses Recht an der Grenze der Nationalität enden zu lassen. Familienzusammenführung ist darüber hinaus ein wichtiger Baustein für gelingende Integration. Wer Angst um das Leben, die Gesundheit und die Zukunft seiner Familie hat, dem fällt es schwer, eine fremde Sprache und Kultur zu erlernen. Mehr zu unserem Projekt finden Sie auf der Seite www.familien-gehoeren-zusammen.de.

  • Andreas Hesse
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