Wenn der große Rückfall droht... - Die Suchtkrankenhilfe in der Coronakrise

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Anja Halle
Referentin Suchtkrankenhilfe / Suchtselbsthilfe

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(4. November 2020) Fehlende soziale Kontakte, Einsamkeit, aber auch Langeweile oder Überforderung - Die Probleme, mit denen sich viele in der Coronakrise konfrontiert sehen, sind vielfältig. Für Menschen mit Suchterkrankungen ist die Zeit besonders schwer. Soziale Netze können sie nicht auffangen, Selbsthilfegruppen können sich nicht treffen. Ein Rückfall in die Sucht droht. Wir haben mit Stefanie H. (Name geändert) über ihre Erfahrungen gesprochen. Sie ist Mitglied einer Selbsthilfegruppe der Diakonie in Mitteldeutschland. Das Gespräch ist Teil des Berichtes, der am 19. November auf der digitalen Tagung der Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland eine Rolle spielen wird.

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Nikiton, Alkohol, illigale Substanzen - Die Isolation während der Coronakrise verleitet Menschen zum erhöhten Konsum und kann Suchtkranke zum Rückfall verleiten. (Foto: ThorstenF - pixabay.com)


Stefanie H., (46), Mitglied einer Suchtselbsthilfegruppe

„Unsere Suchtselbsthilfegruppe durfte sich plötzlich nicht mehr treffen, sozusagen von einem Tag auf den anderen war das wöchentliche Treffen nicht mehr möglich. Das war schmerzlich für mich, die schon mehrere Jahre die Gruppe besucht. Auch für diejenigen die noch ganz neu bei uns sind, war es ein Ver-lust. Wir haben uns gegenseitig angerufen und uns manchmal zu zweit und später in kleinen Gruppen draußen getroffen. Ja, ich kann sagen wir haben den Kontakt gehalten und dennoch habe ich die ge-meinsamen Gespräche sehr vermisst. Von anderen Gruppen habe ich gehört, dass Sie den Kontakt über WhatsApp gehalten haben und sogar ihre Gruppenstunde einmal wöchentlich über WhatsApp durchgeführt haben. Andere haben sich in kleinen Gruppen in einem Garten getroffen. Bei dem digita-len Austauschtreffen der diakonischen Suchtselbsthilfe habe ich von vielen kreativen und tollen Ideen gehört, Selbsthilfe weiterhin zu leben, z.B. Gruppenstunden per Videokonferenz oder Gruppenstunden als Spaziergänge.

Ich habe auch gehört, dass es Suchtkranke gab, die es nicht geschafft haben, die Zeit abstinent zu überstehen. Ihnen fehlte, da bin ich mir sicher, der Kontakt zu anderen Menschen, die das gleiche Prob-lem haben, so ganz von Angesicht zu Angesicht. Ihnen fehlte der feste Termin in der Woche, das Tref-fen mit ‚Gleichgesinnten‘. Ich bin dankbar, dass bei uns in der Gruppe keine Person einen Rückfall

hatte. Alle haben es doch ganz gut geschafft, mit den Einschränkungen und Herausforderungen im fa-miliären, beruflichen und gesellschaftlichen Leben zurechtzukommen. Ich bin dafür dankbar, weil ich weiß, was Suchterkrankung bedeutet und wie schwer es sein kann Krisen und Herausforderungen ohne Suchtmittel zu bewältigen. Nicht jeder schafft das.

Nach einigen Wochen durfte unsere Selbsthilfegruppe wieder zusammenkommen. Wir treffen uns nor-malerweise in den Gemeinderäumen. Nun versammeln wir uns in der großen Kirche, um den Abstand einhalten zu können. Es ist anders als sonst. Wenn wir die Kirche betreten, tragen wir Maske. Wir tra-gen uns in Listen ein. Das war und ist ungewohnt für uns. Zu uns kann man eigentlich kommen, ohne seinen Namen und Kontaktdaten zu hinterlegen. Da musste der Gruppenleiter ganz viel erklären. Die Notwendigkeit verstehen die meisten und doch bleibt ein komisches Gefühl. Ein Gruppenmitglied hat sich geweigert auf der Liste die Kontaktdaten zu hinterlassen. Wir mussten ihn wegschicken.

Wir dürfen uns nicht umarmen. Das ist schwer, gerade weil es bei uns oft sehr persönliche und emotio-nale Themen sind. Und dennoch sind wir froh, dass die Kirchengemeinde uns diese Möglichkeit gibt un-sere Gruppenstunden in der Kirche zu machen. Jetzt kommen auch wieder suchtkranke Menschen zu uns, die gerade auf einen Therapieplatz warten. Durch die Hygienemaßnahmen in Rehakliniken können wohl nicht mehr so viele Patienten wie üblich aufgenommen werden. Dieses Warten ist wirklich schwie-rig für Suchtkranke. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht. Es hat lange gedauert, bis ich mich an eine Beratungsstelle gewendet habe und noch länger bis ich sagen konnte: Ich will eine Entwöhnungsthera-pie machen. Ich bin froh, dass ich relativ schnell einen Reha-Platz bekommen habe. Ich weiß nicht, ob ich Wochen später noch den Schritt hätte gehen können. Dazu ist das Gefangensein in der Abhängig-keit zu stark, das Suchtmittel zu verlockend, Verhaltensmuster zu gefestigt. Wie schwer mag es wohl für jemanden sein, der jetzt lange auf einen Therapieplatz warten muss?

Wie wir in den Wintermonaten mit unseren Gruppenstunden weitermachen, ist noch offen. In der Kirche wird es zu kalt. Vielleicht treffen wir uns wieder in den Gemeinderäumen und teilen die Gruppe, sodass wir nicht zu viele sind und den Abstand einhalten können. Mal sehen, was noch auf uns zu kommt. Die Ungewissheit und Unsicherheit finde ich besonders quälend.“


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Die Sucht nach Computerspielen, Sozialen Netzwerken und dem (Online)-Glücksspiel wird in der Coronakrise zum Problem. Reale Treffen, Ablenkungen und alternative Freizeitangebote sind eingeschränkt. Soziale Auffangnetze reißen. (Foto: 11333328 - pixabay.com)


Hintergrund: Unsere diakonische Suchtkrankenhilfe hält ein vielfältiges Angebot für Suchtkranke, Suchtgefährdete und Interessierte vor. Wir helfen in unseren Beratungsstellen, Therapieeinrichtungen und Selbsthilfegruppen. Die Coronakrise ist für die Suchtkrankenhilfe und suchtkranke Menschen eine große Herausforderung. Beratungen, Therapien und Hilfegruppen dürfen besonders in der nervenaufreibenden Zeit der Coronakrise nicht wegfallen. Therapie- und Genesungsfortschritte drohen verloren zu gehen. Im schlimmsten Fall drohen Suchtkranke rückfällig zu werden. Eine zuverlässige Finanzierung, auch digitaler Angebote, hilft. Größere Räumlichkeiten für analoge Gruppenstunden würden in der aktuellen Lage deutlich entlasten. Ein stärkeres Bewusstsein für die Vulnerabilität suchtkranker Menschen muss stärker in den Fokus rücken. An dieser Stelle ist nicht nur die Unterstützung politischer Entscheidungsträger und Kommunen gefragt, sondern auch die Solidarität der gesamten Gesellschaft.


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