Der 9. Oktober 2019 in Halle und seine Folgen. Wo wir heute gesellschaftlich stehen.

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OKR Christoph Stolte
Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland

Merseburger Straße 44, 06110 Halle (Saale)
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(08. November 2019) Es gibt Tage, die prägen sich tief in die eigene Biographie ein. Der 9. Oktober 2019 gehört zu diesen Tagen.

Es war ein Mittwoch. Dr. Wolfgang Teske und ich waren an dem Tag in Düsseldorf zur Konferenz für Diakonie und Entwicklung, das ist die Mitgliederversammlung des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung. Mittags erreichte uns der Anruf, dass in Halle ein Attentat erfolgt sei und die Täter auf der Flucht seien. Die Polizei bittet alle Menschen, in den Häusern zu bleiben. Mehr war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt.

Die Mitarbeitenden der Geschäftsstelle der Diakonie Mitteldeutschland schlossen Türen und Fenster. Es folgten sorgenvolle Stunden. Wir verfolgten den Nachrichtenkanal der Polizei in Halle und ich telefonierte mehrmals mit Kolleginnen und Kollegen in Halle.

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Am 11. Oktober 2019 nahmen wir mit zahlreichen anderen Menschen an der Menschenkette vor der Synagoge in Halle teil und gaben so unserer Solidarität mit der jüdischen Gemeinde Ausdruck.

Langsam wurde die Nachrichtenlage klarer und furchtbarer. Zwei Menschen waren erschossen, einfach so. Die jüdische Gemeinde wurde während des Gebetes zum großen Versöhnungsfest Jom Kippur angegriffen. Fast wäre es zum Mord an vielen Frauen, Männern und Kindern unter unseren jüdischen Geschwistern gekommen. Morde auf offener Straße in Halle, der Wille ein Massaker anzurichten – das nimmt mir auch heute noch den Atem.

Etwas erleichtert war ich, als am Abend die sogenannte „Ausgangssperre“ in Halle aufgehoben wurde und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alle unversehrt wieder in ihrem Zuhause angekommen waren.

Am Donnerstag erreichte ich Max Pivorotzki, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, per Mail. Wir kennen uns persönlich durch die Zusammenarbeit in der LIGA Sachsen-Anhalt. Er antwortete mir sehr schnell und bedankte sich für meine Worte des Mitgefühls und der Solidarität. Die wenigen Worte des Beistandes hatten ihn und unsere jüdischen Geschwister erreicht.

Parallel hatten wir als LIGA der Wohlfahrtsverbände in Sachsen-Anhalt eine Presseerklärung versendet, um unsere Solidarität mit der Jüdischen Landesgemeinde, den Mordopfern, den Verletzten und allen Trauernden zu unterstreichen. In der Nachrichtenfülle des Freitags hat diese keinen Eingang in die Medien gefunden. Aber am Sonnabend bedankte sich Herr Pivorotzki in einer Mail an alle Wohlfahrtsverbände. In dieser Mail erwähnte er, dass es ihn bewegt hätte, Mitarbeitende der Diakonie Mitteldeutschland während der Zeit des Sabbatgebetes in der großen Menschenmenge auf der kleinen Straße vor der Synagoge in Halle zu sehen. Ich danke alle Kolleginnen und Kollegen, die mit mir an diesem Ort ausgehalten haben, direkt an der Stelle, an der zwei Tage zuvor eine Frau ermordet wurde. Es waren Stunden, in denen unsere so differenten Gefühle und aufgewühlten Seele einen gemeinsamen Ort hatten.

Die Worte unseres Landesbischofs Friedrich Kramer, der von ihm angestimmte Gesang, das gemeinsame Gebet mit den jüdischen Geschwistern hat uns tief miteinander verbunden. In aller Trauer erlebten wir trotz des Geschehenen große Gastfreundschaft der jüdischen Gemeinde, die Wein und Kekse in der Menschenmenge auf der Straße persönlich verteilten. Es war eine mich tief berührende Geste.

Und doch trage ich die Frage in mir: Waren wir zu spät? Haben wir den Hass in unserer Gesellschaft nicht ernst genug genommen? Hätten wir nicht viel früher wahrnehmen müssen, wie bedroht das Leben von Menschen jüdischen Glaubens und Zugewanderten unter uns ist?

Diese Fragen stellen sich wahrscheinlich viele Menschen in Halle und weit darüber hinaus. Und ich bin trotzdem sehr dankbar, dass viele Menschen – wenn auch eine auf die Größe der Stadt gesehen kleine Gruppe – in diesen Tagen immer wieder öffentlich wahrnehmbar ihre Verbundenheit mit allen Migrantinnen und Migranten und Jüdinnen und Juden gezeigt haben.

Und zugleich gilt der Blick auf die beiden Mordopfer und die Worte, die der Attentäter dazu ins Netz gestellt hat. Sein Hass richtete sich ebenso gegen Menschen, die in unser Land eingewandert sind und sich hier eine neue Heimat aufbauen. Menschen anderer Kultur und Lebensgeschichte werden menschenverachtend pauschal als Bedrohung wahrgenommen.

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Am 14. Oktober fand ein Gedenkgottesdienst in der Marktkirche Halle statt. Fast 200 Menschen haben in der Kirche Anteil genommen, viele weitere auf dem Marktplatz vor der Kirche.

Unsere Haltung als Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, als Landeskirche Anhalts und als Diakonie Mitteldeutschland ist seit Jahren eindeutig und öffentlich bekannt. Menschen, die nach Deutschland kommen, aus welchen Gründen auch immer, sind uns willkommen. Sie bereichern unsere vielfältige Gesellschaft. Ihnen gebührt nicht nur existentielle Hilfe, sondern ein gleichberechtigter Ort in unserer sich verändernden Gesellschaft. Das müssen wir nach dem 9. Oktober nicht erst öffentlich machen, aber wir dürfen nicht nachlassen, für eine vielfältige Gesellschaft und ein Zusammenleben auf Augenhöge einzutreten und zu werben.

Im Frühjahr dieses Jahres haben wir noch 100 Jahre Frauenwahlrecht gefeiert. Ein erkämpftes Recht, was ermöglichte, dass wenige Frauen in die Nationalversammlung, die die Weimarer Verfassung ausarbeitete, gewählt wurden. Und 100 Jahre später werden mit Begriffen wie „Genderwahn“ Menschen aufgehetzt, um die auch im Jahr 2019 noch nicht vollständig realisierte Gleichberechtigung von Frauen und Männern zurückzudrehen.

Dabei sind es weiterhin Frauen, die weniger verdienen, in weniger Führungspositionen arbeiten, viel stärker Sorgearbeit für Kinder und Eltern leisten und in einer patriarchal geprägten Sprache oftmals nicht gemeint, sondern nur mitgemeint sind. Starke Männer mit frauenverachtender Attitüde dringen bis in höchste Präsidentenämter vor. Auch das ist 2019 und darf nicht unwidersprochen bleiben.

Wir leben in Zeiten schneller Veränderungen auf vielen Ebenen! Das spüren viele Menschen in unserem Land jeden Tag. Die politischen Diskurse werden konfrontativer und härter, unsere Gesellschaft wird vielfältiger, die Sozialgesetzgebung abenteuerhaft, der ökonomische Druck stärker und die Digitalisierung nimmt so richtig Fahrt auf. Derzeit überlagert die Diskussion um die Klimaveränderung zudem viele gesellschaftliche Diskurse.

Ich zitiere an dieser Stelle ein paar Sätze des Neurobiologen Gerald Hüther:

„Wenn das Leben, vor allen das Zusammenleben mit anderen immer komplizierter wird und vieles von dem, was in der Welt geschieht, kaum noch verstehbar und erst recht nicht mehr durch eigenes Handeln beeinflussbar ist, breitet sich in jeder Gesellschaft eine zunehmende Verunsicherung aus. Ratlos suchen dann immer mehr Menschen nach Halt und Orientierung. Und viele sind bereit, jenen zu glauben und zu folgen, die zu wissen meinen und lauthals verkünden, worauf es in schwierigen Zeiten ankommt. Solche Phasen allgemeiner Verunsicherung sind Umbruchsphasen einer Gesellschaft. Geschickten Demagogen bieten sie die Chance, sich mit ihren einfachen Rezepten als Wiederhersteller einer verloren gegangenen Ordnung zu feiern und zu Anführern wählen zu lassen.“

(Gerald Hüther, Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft, München 2018, Seite 13)

Der Rechtspopulismus und Rechtsextremismus haben einen immer stärkeren Einfluss auf unser gesellschaftliches Miteinander. Das ist inzwischen unstrittig und wird sogar vom Verfassungsschutz bestätigt. Der Rechtspopulismus verändert den politischen Diskurs, inzwischen auch in unseren Parlamenten. Es gibt den offenen Aufruf zum Umsturz des demokratischen Systems.

Dazu kommt eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die sich ausbreitet und in Köpfen festsetzt. Feindbilder werden geschürt, Taten einzelner Menschen werden zu Propagandazwecken gegen Menschengruppen instrumentalisiert und aufhetzende Sprache führt zu Gewalttaten. Die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der sich sehr für die Integration geflüchteter Menschen engagiert hat, ist erst wenige Monate vergangen und bleibt hoffentlich auch lange in warnender Erinnerung.

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Die Menschen in Halle waren nach den schrecklichen Taten geschockt. Und haben dennoch die Kraft gefunden, enger zusammenzurücken.

Wenn bei der Landtagswahl in Thüringen am vergangenen Sonntag die AfD 23,4 Prozent der Stimmen erhält, geschieht das nicht unerwartet, aber trotzdem erschreckend. Die Thüringer AfD unter der Führung des Faschisten Björn Höcke ist schlichtweg rechtsextrem und mit ihrer völkischen Ideologie menschenverachtend. Sie versucht ihre extremen Positionen als „bürgerlich“ zu titulieren und sich zudem als Opfer zu inszenieren, da sie zu Unrecht ausgegrenzt wird und keiner mit ihr eine Landesregierung bilden will. Und in Sachsen-Anhalt hat bei der Landtagswahl 2016 die AfD 24,3 Prozent der Stimmen errungen.

Landesbischof Friedrich Kramer hat es am vergangenen Sonntag, am 27. Oktober, so ausgedrückt:

„AfD-Ergebnis nicht als Protest oder Unreife abtun

Es handelt sich hier um manifeste politische Grundüberzeugungen. Wohin solche Überzeugungen in einem Klima von gewaltsamer Sprache und Hass führen können, haben uns die Ereignisse in Halle gezeigt. Die Regierungsbildung wird sicher nicht einfach und stellt die Parteien womöglich vor neue demokratische Konstellationen und Herausforderungen. Wir werden den Kompromiss noch mehr als wichtige Form der politischen Arbeit schätzen dürfen anstatt ihn als Niederlage zu verstehen."

(https://www.ekmd.de/aktuell/nachrichten/landesbischof-kramer-zur-landtagswahl-in-thueringen-afd-ergebnis-nicht-als-protest-oder-unreife-abtun.html)

Es wird auch weiterhin die gemeinsame Aufgabe der Landeskirchen und der Diakonie in Mitteldeutschland sein, allen Formen von Gewalt, Hass und Menschenfeindlichkeit deutlich entgegenzutreten. Es gilt dieses mutig zu tun und auch eigene Anfeindungen auszuhalten. Die Diskreditierung der Kirchen im sogenannten AfD-Kirchenpapier bestätigt nur, dass unsere Stimmen gehört wurden.

Menschen, die sich gesellschaftlich und politisch engagieren, werden insbesondere in den sozialen Medien und per Mail beschimpft, bedroht und auf übelste Weise diffamiert. Das erleben besonders oft Frauen auf menschenverachtende Weise. Der Versuch der Bundestagsabgeordneten Renate Künast, sich juristisch gegen bösartige und verletzende Worte zu wehren, ist vor einem Berliner Gericht im September fehlgeschlagen. Dieses Urteil gibt zu denken und ist hoffentlich in der Sache noch nicht das letzte Wort eines deutschen Gerichtes.

Zugleich gibt es in der Mitarbeiterschaft der Diakonie auch Menschen, die sich mit kultureller und religiöser Vielfalt, mit einer Vielfalt an Lebensformen und Kulturen schwertun. Und wir müssen uns selbstkritisch fragen, ob Menschen verschiedener Kulturen in diakonischen Einrichtungen willkommen sind und als Mitarbeitende gut integriert werden. Interkulturelle Öffnung ist auch in der Diakonie weiterhin ein gemeinsamer Lernweg, den es zu gehen lohnt – der aber auch seine Zeit und Aufmerksamkeit braucht. Vor einem Jahr haben wir die sehr umfangreiche Arbeitshilfe zur interkulturellen Öffnung allen Mitgliedseinrichtungen zur Verfügung gestellt. In den kommenden Jahren wird uns der damit eingeschlagene Lernweg begleiten. Und die Menschen in unseren Einrichtungen und darüber hinaus, die in der Gefahr stehen oder bereits ausgegrenzt und angefeindet werden, benötigen unsere für sie spürbare Unterstützung.

Zugleich gilt es in der Dienstgemeinschaft nicht nur offen und verständnisvoll miteinander umzugehen, sondern die diakonische Kultur des Lebens und Arbeitens gemeinsam so weiterzuentwickeln, dass sich Jede und Jeder darin einfinden kann und die gemeinsamen Regeln der Gemeinschaft mitträgt.

Prozesse der interkulturellen Öffnung bedürfen einer besonderen Aufmerksamkeit und eines Gestaltungswillens von Seiten der Unternehmensführungen, damit sie auch wirksam werden. Ich bin überzeugt davon, dass es ein lohnender Weg sein wird.

Es gilt in Kirche und Diakonie eine Kultur des Umgangs und eine Sprache miteinander zu pflegen und zu bewahren, die möglichst frei ist von verletzenden Worten, von Ausgrenzung und Tendenzen der Verrohung. Für mich ist das kein idealistischer Wunsch, sondern eine bewusste Gestaltungsaufgabe, die unser diakonisches Profil prägt – auch gegen einen unguten Mainstream. An der gelebten Kultur des Miteinanders muss sich immer wieder neu beweisen, dass Diakonie Ausdruck gelebten Glaubens und damit Kirche ist.


Oberkirchenrat Christoph Stolte
Vorstandsvorsitzender Diakonie Mitteldeutschland
30. Oktober 2019

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