"Armut ist peinlich!"

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Steffen Mikolajczyk
Referent Grundsatzfragen Sozialpolitik und Sozialplanung

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(17. Oktober 2018) Heiko Wünsch kennt die Situation von Menschen in Armut. Er ist Leiter der Sozialberatungsstelle der Evangelischen Stadtmission Halle. „Armut ist peinlich!“, sagt Wünsch. Er meint damit Schamgefühle, die diese Menschen jeden Tag erleben. „Peinlich“ zielt aber auch auf die andere Seite, die der Reichen, der Beobachter, kurz unserer Gesellschaft. Seit Jahren nimmt der Wohlstand in diesem Land zu - umso „peinlicher“ ist es, dass wir es nicht schaffen, von Armut betroffene Menschen zu unterstützen und teilhaben zu lassen. In Halle hat das Wort „peinlich“ eine zusätzliche Bedeutung. Es ist auch Ausdruck für Entrüstung, ja Empörung.

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Der 38-jährige Steffen G. (links im Bild) und weitere Besucher, die regelmäßig in die Stadtmission Halle kommen, berichten uns von ihrem Alltag in Armut. (Foto: Tristan E. Fürstenau)

Das Risiko in Armut zu geraten, misst in Deutschland die sogenannte Armutsgefährdung. Sie gilt für Haushalte, denen weniger als 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung steht. In Sachsen-Anhalt leben 21,4 Prozent der Bevölkerung mit ihrem Einkommen unter dieser Quote. 75 Prozent der Erwerbslosen und 60 Prozent der Alleinerziehenden sowie deren Kinder sind gefährdet, in Armut zu geraten.

Die hohe Quote deutet auch auf eine große Zahl niedriger Einkommen sowie Formen atypischer Beschäftigung hin. Für viele dieser Menschen können Veränderungen im Leben das schnelle Absinken in tatsächliche Armut bedeuten – die Geburt weiterer Kinder, eine Trennung, Krankheit vielleicht.

Beim Besuch der Sozialberatungsstelle zeigt sich, dass die Gründe für Armut vielfältiger sind, als von außen sichtbar. Gespräche mit Betroffenen über ihre Lebenslage besitzen deshalb mehr Aussagekraft, als so manche Kennziffer oder Quote.

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Die Wärmestube im Steinweg in Halle (Saale) heißt jeden Besucher willkommen. Sei es für ein warmes Getränk, eine Partie Skat oder nur für ein gutes Gespräch. (Foto: Tristan E. Fürstenau)

„Armut. Muss das sein?“
Diese Frage stellt sich der 38-Jährige Steffen G. aus Halle-Neustadt. Der junge Mann erfährt am eigenen Leib, was Armut bedeutet. Abschätzige Blicke von Ärzten, Vorurteile bei der Jobsuche bis hin zu Beleidigungen von Passanten. Steffen hat über vier Jahre als Obdachloser in einer Notunterkunft gelebt. Heute hat er eine Wohnung – auch wenn er dort aus Geldmangel fast neun Monate ohne Strom leben musste. Arbeit hat er nicht, er lebt von Hartz IV. Einen großen Teil seiner Grundsicherung muss er auch noch für Schuldenabbau aufwenden. Er lebt in einer Armutsfalle, aus der er nur schwer entkommen kann.

Gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung? Fehlanzeige. Steffens letzter Kinobesuch liegt acht Jahre zurück, der letzte köstliche Mittagsbraten schon über vier Jahre. Er muss sehen, wie er über die Runden kommt. „Es ist ein ständiger Überlebenskampf“, erzählt er uns. Steffen besucht regelmäßig die Wärmestube der Stadtmission (Halle). Die Gespräche mit anderen Menschen, die Tischtennispatte im Hinterhof oder einfach nur ein heißer Kaffee – es gibt verschiedene Gründe die Wärmestube zu besuchen.

Nach seiner Zukunftsperspektive befragt antwortet Steffen, dass er gern im sozialen Bereich arbeiten möchte. „Auch, wenn man selbst arm ist, kann man für andere Menschen da sein.“

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Die Tischtennisplatte im Hinterhof der Wärmestube ist ein beliebter Treffpunkt. Nicht nur bei den Besuchern der Wärmestube, sondern auch bei Bewohnern des Steinweges. (Foto: Tristan E. Fürstenau)

Armutsbekämpfung muss in den politischen Fokus rücken!
Teilhabe am gesellschaftlichen Leben muss für alle möglich sein. „Das ist mal eine Fahrkarte, das ist eine Eintrittskarte für ein Fußballspiel oder Konzert. Das wäre super!“ Es sind die einfachen Dinge, die Heiko Wünsch aufzählt.

Der heute veröffentlichte Schattenbericht der „Nationalen Armutskonferenz“ legt diese Missstände offen. Wir fordern eine gute Versorgung und echte Teilhabechancen für alle Betroffenen. Dazu zählen Hartz-IV-Regelsätze, die am tatsächlichen Bedarf der Menschen orientiert sind. Es dürfen keine Sanktionen verhängt werden, die das menschenwürdige Existenzminimum (den Regelsatz) kürzen. Denn so entstehen Notlagen, die bis zur Obdachlosigkeit führen können. Besonders alleinerziehende Familien müssen kostenfreie und unbürokratische Hilfen sowie Teilhabmöglichkeiten erhalten. Wir fordern eine einheitliche Kindergrundsicherung, die es allen Kindern und Jugendlichen unbürokratisch ermöglicht, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Besonders im Osten Deutschlands werden künftig viele Menschen in Altersarmut geraten, weil sie keine ungebrochenen Erwerbsbiographien besitzen, keine Möglichkeiten für private Vorsorge treffen konnten oder keine Betriebsrenten erhalten.

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