Bildungsreise Breslau: Toleranz und Vielfalt in Europa erleben

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(24. Mai 2019) „Nicht nur die Häuser sind bunt“ – Toleranz und Vielfalt in Breslau war das Thema unserer Bildungsexkursion in der vergangenen Woche. In einer Gruppe von 22 Menschen haben wir uns in die polnische Stadt aufgemacht. Wir waren genauso bunt zusammengewürfelt, wie die Häuser Breslaus: zwischen 30 bis 76 Jahre alt, aus verschiedenen Regionen Mitteldeutschlands, entweder gerade im Bundesfreiwilligendienst oder als Beraterinnen und –berater des Projektes „Demokratie gewinnt!“ ausgebildet. Wir führten zwei diakonische Bereiche zusammen, die bisher nicht viel miteinander zu tun hatten. Was wir gemeinsam in Breslau erlebt haben, dass lesen Sie in unserem Beitrag.

Tag 1: Den kleinen Zwergen auf der Spur
Dank europäischer Reisefreiheit gelangten wir mit dem Zug ohne Grenzkontrollen in unser Nachbarland. „Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34,15) Wir haben die Jahreslosung wörtlich genommen und auf der Suche nach Frieden und Verständigung die Staatsgrenze überquert.

„Wroclaw“ stand am Schild unserer Endstation. So heißt die polnische Stadt heute, die früher Breslau genannt wurde. Nach der Ankunft starteten wir mit einem ausgiebigen Stadtrundgang durch das historische Stadtzentrum. Schnell wurde uns klar, dass Breslau sehr weltoffen, bunt und modern ist. An den Häuserwänden entdeckten wir immer wieder kleine Zwerge. Diese dienten ursprünglich als Widerstandssymbol der orangenen Alternative gegen das kommunistische Regime. Heute laden die kleinen Kerlchen dazu ein, auch unbekannte Winkel der Stadt zu entdecken.

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Der abendliche Stadtrundgang eröffnete uns die Schönheit und Vielfalt von Breslau.

Tag 2: Ehrenamt ohne Rückendeckung
Am zweiten Tag wurden wir zum Gespräch mit der Menschenrechtsorganisation NOMADA eingeladen. Mit großer Begeisterung berichtete uns dort Maciej Mandelt von der Arbeit mit Migranten und ethnischen Minderheiten. NOMADA hat einer illegal in Wroclaw lebenden Roma-Community unter die Arme gegriffen. Die Organisation hat der 200-köpfigen Roma-Gemeinschaft innerhalb von fünf Jahren zur Anerkennung der europäischen Staatsbürgerschaft verholfen. NOMADA hat den Kindern der Community eine Schulbildung ermöglicht, die Gruppe bei ihrer sozialen Absicherung unterstützt und den Übergang in ein Wohnprogramm organisiert. Uns beeindruckte, dass dies immer auf Augenhöhe mit den Roma geschah und die Unterstützung bis an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte führte.

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Wir waren wirklich fasziniert davon, wie die Organisation NOMADA mit wenigen Mitteln Großes bewirkt.

Viele soziale Dienste übernimmt in Breslau eine einzige Nichtregierungsorganisation. Dazu gehören Migrationsberatungsstellen, die Asylverfahrensberatung, die Ehrenamtskoordination und die Auszeichnung von Schulen ohne Rassismus. In Deutschland sind wir daran gewöhnt, dass es staatliche Förderungen gibt und diese Aufgaben nicht nur von wenigen Freiwilligen übernommen wird. Wir staunten über die sehr engagierte Arbeit von NOMADA. „Veränderungen müssen im System entstehen,“ brachte es Maciej schulterzuckend auf den Punkt. Von der mangelnden staatlichen Unterstützung lässt sich NOMADA nicht entmutigen. Doch ist das nicht das einzige Problem. Es gibt auch ganz offenkundige Anfeindungen. Erst kürzlich wurde die Organisation von nationalgesinnten Aktivisten angegriffen.

Tag 3: „Wir sind offen für alle – aber nicht für alles!“
Wie dankbar können wir für die Meinungsfreiheit sein, die wir heute in Europa genießen. Das war unser erster Gedanke beim Besuch der internationalen Jugendbegegnungsstätte Kreisau. Der Gutshof dort gehörte einst Helmuth James Graf von Moltke. Er diente im Zweiten Weltkrieg der gewaltlosen Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“ als Versammlungsort. Sie entwickelten dort Ideen zur politisch-gesellschaftlichen Neuordnung für die Zeit nach dem Hitler-Regime. Diese Treffen allein genügten damals den NS-Funktionären, um neun von zehn Mitgliedern des „Kreisauer Kreises“ hinzurichten. Ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte war in diesem Gutshof für uns zum Greifen nahe. Einige unserer eigenen Lebensgeschichten sind durch unsere Eltern, Großeltern oder andere Verwandte eng mit Kreisau verknüpft.

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Die Geschichte und das Schicksal des „Kreisauer Kreises“ wurden uns im alten Gutshof nähergebracht.

Uns ging beim Gang durch den Gutshof die Frage durch den Kopf: Wie weit würden wir selbst wohl gehen, im Widerstand gegen eine Diktatur? Eine Frage, die wir hoffentlich nie wirklich beantworten müssen. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte zwang uns gerade dazu, uns auch mit aktuellen europäischen Entwicklungen auseinanderzusetzen.

Die schwierige Geschichte Schlesiens wurde uns beim Besuch der Versöhnungsausstellung in Kreisau deutlich. Wir erfuhren dort von den Versöhnungsinitiativen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Polen und Deutschen ins Leben gerufen wurden. Auch heute noch ist es wichtig, aktiv an der deutsch-polnischen Verständigung zu arbeiten. Wir trafen Charlotte, die selbst Deutsche ist und in Polen wohnt und arbeitet. Sie führte uns durch die Begegnungsstätte in Kreisau und reflektierte dabei: „Erst hier in Polen habe ich als Deutsche meine europäische Identität erfahren.“ Uns wurde klar, dass auch unsere Reise einen kleinen Baustein im Versöhnungsprozess darstellt.

In der Friedenskirche Schweidnitz nahm sich Bischof Waldemar Pytel Zeit für ein Gespräch mit unserer Gruppe und berichtete über seine Gemeindearbeit. Er führt seine kleine Gemeinde bereits seit 30 Jahren – ursprünglich wollte er der Friedenskirche nur zwei Jahre vorstehen. Wir konnten seine Entscheidung zu bleiben gut verstehen. Im Altarraum der kleinen, komplett aus Holz gebauten Kirche spürten wir die geschichtliche Bedeutung dieses Ortes. Nach den Zerstörungen des 30-jährigen Krieges ist der Bau der Kirche ein Lichtblick für die Menschen des kleinen Ortes gewesen. Die Errichtung der evangelischen Kirche hat damals nur unter sehr strengen Auflagen stattfinden können. Die Schweidnitzer haben ihre Kirche nur aus Holz, Sand, Lehm und Stroh erbauen dürfen. Sie durfte nicht innerhalb der Stadt gebaut werden und musste binnen eines Jahres errichtet werden. Die Schweidnitzer haben das Unmögliche geschafft. Noch heute steht die stolze Holzkirche und gewährt Besuchern Einlass. „Wir sind offen für alle – aber nicht für alles,“ grenzte Bischof Pytel dann doch ein. Menschen, die andere Menschen in Europa ausgrenzen, bedrohen den Frieden, für den diese Kirche ein Symbol geworden ist. Wir spürten Pytels Offenheit, einen jeden Menschen so zu akzeptieren, wie er ist. „Wir sind Kinder eines Gottes,“ war seine schlichte, doch sehr eindrückliche theologische Begründung.

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„Wir sind offen für alle – aber nicht für alles!“ Die klare Haltung von Bischof Waldemar Pytel beeindruckte uns tief.

Tag 4: Diakonia Polska – Europäische Nächstenliebe
Am vierten Tag trafen wir auf den Präsidenten der Diakonie Polen, Bischof Ryszard Bogusz. Dieser hatte sogar einen wichtigen Auslandstermin abgesagt, um uns zu treffen. Der Bischof begrüßte uns im Zentrum für Bildung und Diakonie „Martin Luther“ in Breslau. Er berichtete uns von der Arbeit der polnischen Diakonie und kam mit uns ins Gespräch über den Dialog der Konfessionen und Religionen in Breslau. Die Mitarbeitenden des Zentrums stellten uns die verschiedenen diakonischen Einrichtungen vor, wie die Schule für Menschen mit Behinderungen, mehrere Werkstätten, ein Kindergarten und ein Altenheim. Neben den vielfältigen Eindrücken und Erfahrungen waren wir besonders angetan davon, wie engagiert, herzlich und offen die polnischen Partnerinnen und Partner sind. Wir haben im Haus „Martin Luther“ eine neue interessante Seite diakonischer Nächstenliebe kennengelernt.

Fazit: Viele Eindrücke, neue Erkenntnisse
Unser Fazit der Reise fällt eindeutig aus: Wir wünschen allen Europäerinnen und Europäern, dass sie diese wunderbare und in die Zukunft schauende Stadt mit ihren herzlichen Menschen selbst einmal erleben werden. Es lohnt sich, das kulturelle Spektrum Europas zu entdecken und neue Bande zu schließen. „Ohne Vielfalt im Kleinen kann nichts Großes entstehen!“ fasst eine der Freiwilligen diese Erkenntnis während der Reise zusammen.

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Bunt gemischt, wie Breslaus Häuser. So war unsere Gruppe, bestehend aus Freiwilligen und Demokratieberaterinnen und –beratern.

Hintergrund: Das Projekt „Demokratie gewinnt! In Sachsen-Anhalt und Thüringen“ setzt sich für die Stärkung demokratischer Prozesse in diakonischen Einrichtungen ein. Die haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden lassen sich in dieser Qualifizierung zu „Mulitplikatorinnen und Multiplikatoren für Demokratieförderung“ ausbilden.
Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) ist ein auf bis zu einem Jahr begrenztes Angebot für Menschen aller Altersklassen. Als Freiwillige arbeiten Sie in diakonischen Einrichtungen und lernen die soziale Arbeit kennen.
Die gemeinsame Bildungsreise von Demokratie gewinnt! und Engagierten im BFD war die erste Veranstaltung dieser Form. Ziel war es, Begegnung im europäischen Raum zu erleben und für die Teilenehmenden neue Erfahrungshorizonte zu schaffen.

Fotos und Text:
Ines Blachney, Jenny Menzel, Dana Kempe, Eleonore Domke, Andrea Hoffmann, Anne-Katrin Linde, Rolf-Eckart Hosang

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